
Abschlussbericht unserer Stipendiatin Sviatlana aus Minsk, die im Sommersemester 2009 von Copernicus Berlin e.V. gefördert wurde. Den Bericht hat sie Mitte September in Berlin geschrieben:
Montag, den 7. September… Ich bin extra früh nach Hause gekommen, um mir ruhig Gedanken zu machen und die fünf letzten Monate meines Lebens auf ein paar Seiten zu beschreiben. Jetzt passiert es nie mehr, dass ich keine Pläne für einen Abend habe, je weniger Zeit bleibt bis zur Rückkehr nach Hause, desto mehr muss ich noch in Berlin erleben. Als ich im April angekommen bin, hat jemand von den Copernicanern mich davor gewarnt, alles auf die letzten Monate zu verschieben und in diesem Fall bestimmt Recht gehabt. Ich freue mich schon auf die Rückfahrt nach Hause, dabei bin hundertprozentig sicher, dass ich unglaublich stark Berlin vermissen werde.
Aber vom Anfang an…
Eines Tages (Mitte Dezember, wenn ich mich nicht irre) prüfte ich wie immer mein E-Mail und hab plötzlich die Nachricht aus Berlin bekommen. Es ist kaum zu glauben! Ich bin für ein Semester an der Humboldt-Universität zu Berlin eingeladen. So, wie ich mich freute, kann man mit keinem Wort beschreiben. Obwohl ich schon ein Stipendium für ein Auslandssemester in Jena von meiner Heimatuni bekommen habe, war die Sache klar, ich fahre nach Berlin. Ein Zufall, aber ich war erst vor einigen Tagen aus Berlin zurückgekehrt
(ich habe eine Reise für die Studenten meiner Fakultät organisiert, während derer wir unter anderem Humboldt-Uni besucht haben). Aber jetzt habe ich die Möglichkeit bekommen, mich in der Rolle einer Studentin der bekanntesten Uni in Berlin zu fühlen.
Dann geht’s los. Die Vorbereitungszeit war schnell vorbei, vor allem dank meiner Uni, die die Studenten unterstützt und den internationalen Austausch fördert. Ich habe alle Erlaubnisse bekommen und mich auf die schnellen Veränderungen in meinem Leben eingestellt.
Visum, Ticket, der Abschied, der zwei Wochen dauerte, ganze lange Reise und um 5 Uhr stehe ich zusammen mit Marina vor dem Eingang im ZOB. Die Sonne geht gerade auf, rund ist noch leer, aber wir sind schon gespannt, was jetzt mit uns passiert. Nach einer Stunde kommt Martin, der
Mentor von Marina, holt uns ab und bringt uns zu unseren Gasteltern. Ehrlich gesagt waren für mich die ersten Tagen nicht nur ein Stress, sondern auch eine richtige Enttäuschung. Ich fühlte mich einsam und wusste nicht wie ich mich benehmen muss. Später ging es na klar schon viel besser, aber ich empfehle den Copernicanern in den ersten Tagen mehr Zeit mit Stipendiaten zusammenzuverbringen.
Ehrlich gesagt, kann ich mich jetzt kaum an den Anfang April erinnern, trotzdem vielen vielen Dank an Ina, die unseren Behördentag super gestaltet hat. Ich war überrascht, dass wir alle diesen Sachen in 3 Stunden ins reine gebracht haben. Jetzt weiß ich, dass nicht alle Studenten solche ausgezeichnete Betreuung bekommen, und die Termine wurden einige Wochen im Voraus vereinbart und behandelt. Tja, was war dann weiter… Das Begrüßungsfrühstück bei der Familie K., wo ich meine echten Gasteltern kennengelernt habe, ist ganz gut gelungen. Die Veranstaltungen an der Uni, wo ich viele Leute getroffen habe (mit einigen war ich das ganze Semester sehr gut befreundet).
Problematisch finde ich ein bisschen, einen guten Studienplan zu bauen. Vor allem weil alles streng befristet ist und die Anmeldung ist für die meisten Fächer und Kurse erforderlich. Irgendwie hab ich das geschafft. Leider habe ich die ersten Studienwochen verpasst, mein Seminar in Polen war unglaublich toll, allerdings auch ganz anstrengend. Jetzt verstehe ich warum es für mich am Anfang so kompliziert war. Ich habe mich nirgendwo zu Hause gefühlt, weil ich immer meinen Standort wechseln musste. Als ich wieder nach Berlin kam, flogen die anderen Stipendiatinnen und ich nach München. Aah! Diese kleinen Münchenferien waren echt cool! Mit Copernicanern aus München sind wir so fort zurecht gekommen. Intensives Programm, gemeinsame Abende und das Schloss Neuschwannstein (das zweitschönste, was ich in meinem Leben gesehen habe))). Unvergesslich!
Anfang Mai bin ich zu meiner echten Familie übergesiedelt. Esther und Carlos T., vielen herzlichen Dank, ich hab euch lieb! Alle meine Ängste bezüglich meiner Gastfamilie waren vorbei, wie meine Gasteltern sind (untypisch deutsch) herzliche Leute. Ich habe mit ihnen sofort zurecht gekommen. Und jetzt kann ich ehrlich sagen, ich fühle mich bei ihnen wie zu Hause, sogar ein Teil der Familie, kann man so sagen. In diesem Haus war immer was los, genau das brauchte ich, besonders am Anfang, wenn ich noch nicht so viele Freunde in Berlin hatte.
Hab fast vergessen, endlich muss ich über mein Studium erzählen. Zuerst hab ich 15! Kurse gewählt, ich war sicher, dass ich das alles schaffen kann. Zu selbstbewusst war das, sofort ist mir klar geworden, dass das Lehrprozess hier total anders ist und die Anforderungen auch höher sind. (Was unserem Ausbildungssystem mangelt, ist hohe Motivation und selbständige Arbeit) Deswegen habe ich mich entschlossen, weniger aber besser machen.
Schließlich hab ich drei Kurse gewählt (Risikomanagment, Kostenmanagment und Economics of Entrepreunership), dazu auch drei Sprachkurse (Deutsch und Englisch) und zwei Sportkurse (Tennis und Tanzen). Mai und Juni hab ich ziemlich viel studiert. Vor allem musste ich in jedem Kurs eine Präsentation vorbereiten, das halte ich für den größten Erfolg, meine Fähigkeiten in diesem Bereich verbessert zu haben. Was besonders wichtig für mich war, ist das ständige Interesse an dem was ich während der Vorlesungen und Seminaren erfahren habe. Ich meine, nichts war eine Pflicht für mich, sondern nützliche Erfahrung. Danke sehr, Humboldt-Universität!
Gehen wir weiter… Länderabend. Das ist eine besondere Geschichte. Viel Stress kostete Marina und mich die Vorbereitung, aber es lohnte sich. Ich habe unglaublich viel Vergnügen während dieses Abends bekommen und bin eine echte Patriotin meines Landes geworden))) (nie hab ich vorher so was gefühlt). Wir haben unser Bestes getan, ich hoffe, nicht nur uns hat dieser Abend gefallen.
Uni-Leben war reich an Ereignissen. Die Abteilung International und das Erasmusteam haben uns nicht langweilen gelassen. Die Reise nach Mirow, eine kleine Stadt in Mecklenburg-Vorpommern, vergesse ich nie. Meine jetztige beste Freunde in Berlin habe ich während der Reise kennengelernt. Baden, Paddeln, Radfahren und sich amüsieren waren unsere Ziele, die hundertprozentig erreicht wurden.
So war schon der Juni langsam zu Ende und die Hälfte meines Aufenthalts vorbei. Der nächste Monat schien super anstrengend zu sein, aber auch spannend. Vor allem war das die letzte Studienzeit, für weitere Monate hatte ich nur ein Praktikum vor. So wie ich mir damals das vorgestellt habe, musste das Praktikum die Vergeltung für die schönen Zeiten werden. Ich hab mich völlig geirrt. Aber darüber erzähle ich später. Die Kontrollarbeiten und Prüfungen haben mir keine Zeit gelassen, die Sommertage zu genießen.
Dabei war ich ständig im Stress wegen der unerfolgreichen Praktikumsuche, obwohl ich ganz viele Bewerbungen verschickt habe, bekam ich nur die Absagen. Aber dank einer der Copernicaner (Verena), wurde ich zum Vorstellunggespräch eingeladen. I-ways sales solutions GmbH hieß sie. Na toll, hab ich mir überlegt, eine kleine Firma, die sehr dynamisch entwickelt, könnte mir viele praktische Kenntnisse beibringen.
Vor allem deswegen wollte ich nicht ein Praktikum in einer Behörde oder NGO machen, weil es aus der Erfahrung meistens nur verlorene Zeit ist. Aber das was mir i-ways vorgeschlagen hat, schien wirklich spannend zu sein. Glücklicherweise ist das Vorstellunggespräch sehr gut gelaufen und ich hab sofort die Stelle bekommen. Was das Praktikum angeht, würde ich sagen besser weniger aber dann mit Lust. Die Anforderung, ab 20. Juni schon mit dem Praktikum anzufangen, finde ich sowohl blöd als auch unrealistisch. Die Prüfungen kann man in solcher Situation überhaupt nicht ablegen, oder kann man schon, aber muss man sich dann auf „das Leben“ zu verzichten. Und kleine Pause oder sagen wir sogar Urlaub ist für jeden nötig. Ich schlage vor, nicht alles für die Stipendiaten zu einem Muss zu machen und mehr Freiheit zu erlauben.
Anfang August habe ich mit dem Praktikum angefangen. Ich war überrascht, aber meine Arbeit hat mir eigentlich viel Spaß gemacht, vor allem weil ich nicht als eine Praktikantin sondern als eine Mitarbeiterin betrachtet wurde. Ich hab die Aufgaben bekommen, die meiner Fachrichtung entsprechen. Die Atmosphäre im Büro war sehr locker, ich hab meistens selbständig gearbeitet, aber gleichzeitig fühlte ich mich als ein Teil des Teams. Ich bin dem Schicksal sehr dankbar, dass ich einen Platz in i-ways gekriegt habe.
Fast vergessen habe ich unser Seminar in Wandgräben zu erwähnen. Diese Veranstaltung war ohne Zweifel das Beste, was wir zusammen unternommen haben. Schade ist aber dass es zu spät stattgefunden hat. Drei wunderschöne Tagen im Märchenschloss (nicht so märchenhaft wie Neuschwanstein natürlich) haben wir zusammen erlebt. Vielen Dank an Tetjana, die das Seminar gestaltet hat.
Zusammenfassend kann ich alles, was bei mir während dieses halben Jahres passiert ist, nur positiv einschätzen. Ich will mich bei Copernicus herzlich bedanken. Ihr seid super coole Leute alle. Copernicus muss leben und weiter wachsen und sich entwickeln.
P.S. Besonders vielen Dank sage ich meinem Mentor Guarani, der mich immer unterstützt hat und in jeder Situation geholfen hat.
Tags: Abschlussbericht · Sommersemester 2009 · Sviatlana YarmilavaNo Comments
0 responses so far ↓
There are no comments yet...Kick things off by filling out the form below.