Am Wochenende vom 10. bis 12. September 2010 feiert Copernicus Berlin sein 10-jähriges Bestehen im Rahmen einer Jubiläums Veranstaltung. Ein willkommener Anlass die Menschen, die dieses einmalige Stipendienprogramm prägen und geprägt haben, zur Wort kommen zu lassen, in Form eines Rückblickes.
Wir haben ehemaligen wie aktuellen Stipendiaten, Gasteltern und Aktiven Fragen zu Copernicus gestellt und veröffentlichen deren Antworten hier im Blog.
An diese Stelle bedanken wir uns bei den Förderern, die unserer Jubiläumsveranstaltung ermöglichen, namentlich die Stiftung Errinerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), Robert Bosch Stiftung, Sigram Schindler Stiftung und die Werner Zapf Stiftung.
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Copernicus (ehem.) Aktive Nina H.
1. Warum/Wie bist du zu Copernicus gekommen?
Eine Schulfreundin bat mich im August 2000 zu einem abendlichen Treffen. Sie sagte: “Du interessierst Dich doch für Osteuropa, und wir brauchen einen siebten Mann für eine Vereinsgründung.” Mehr wusste ich nicht. Abends dann trafen wir uns in der kleinen Wohnung von Axel Schuchard, saßen auf einem gebrechlichen Sofa, tranken wahrscheinlich Schweppes, und ich hörte von den Neuberlinern, wie sie damals Copernicus in Hamburg aufgezogen hatten, und dass nun mithilfe der Bosch-Stiftung die Chance besteht, so etwas auch in Berlin zu machen. Man wählte mich in den Vorstand, und es ging los.
2. Was hat dich bewegt, dich ehrenamtlich bei Copernicus zu engagieren?
Ich hatte Sprachen (vor allem Slawistik) und Geschichte studiert und war dann ein Jahr lang in Paris als Koordinatorin für ein internationales Bildungsprojekt für Nachwuchskünstler. Zur Zeit der Copernicus-Gründung arbeitete ich als freie Mitarbeiterin bei der Morgenpost, war aber interessehalber auf der Suche nach mehr Osteuropabezug. Da kam Copernicus gerade recht, es war eine tolle Sache zu gestalten. Ehrenamtlich? Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
3. Was hast du bei Copernicus gemacht?
Als Vorstand organisierte man anfangs von allem ein bisschen. Eine erste Erinnerung ist, wie ich eine völlig verschüchterte Aserbaidschanerin (Ajtekin) vom Bahnhof Lichtenberg abholte und in ihre Gastwohnung brachte. Sie hatte, glaube ich, Heimweh und ein bisschen Angst, und man kam sich vor wie eine Rabenmutter, als man sie einfach so alleinließ in ihrer neuen Familie, nachdem man noch versucht hatte, ihr das Wort Pendelverkehr beizubringen.
Auch Wege an die Uni habe ich in Erinnerung, bei denen ich merkte, dass ein Ausland eine ganz schöne Herausforderung ist, wenn selbst ein deutscher Copernicaner auf Anhieb gar nicht so genau weiß, wo denn nun in der Wirtschaftsfakultät welche Tür zu finden ist…
Gottseidank machte Axel Schuchard als Gründervater und alter Hase sehr viel, so dass ich unterstützend da hineinwachsen konnte. Später differenzierten sich die Aufgaben stärker aus, wir verteilten Posten. Jemand übernahm zum Beispiel die Finanzen, ich selbst machte viel Werbung, organisierte einen JOE Fixe (Treffen eines Netzwerkes Osteuropainteressierter), schrieb Begrüßungsreden. Ich kümmerte mich auch viel um Praktikumsplätze, und als wir das Tutorenprogramm erfunden hatten, betreute ich einzelne Studierende und Gastfamilien.
4. Was war dein schönster Moment bei Copernicus?
Das ist sehr schwer zu sagen, es gab so viele. Zunächst hatten unsere Treffen in Axels Wohnung etwas sehr Konspiratives, das war lustig. Als wir dann ein Büro auf der Etage in der Schwarzkopfstiftung hatten, gab es bei Mitgliedertreffen lange demokratische Diskussionen – und danach ein Glas Wein. Wir wuchsen zusammen. Mit Freunden arbeiten ist eine andere Erfahrung als mit Freunden ins Kino gehen. Eine schöne Erfahrung. Irgendwann, als Axel schon in Warschau war, reiste eine Gruppe von uns mit dem Zug zu einer Geburtstagsparty zu ihm, eine wunderbare Erinnerung. Es muss irgendwo ein Foto geben, auf dem wir alle rund um das Copernicus-Denkmal in Warschau kauern, im tiefen Winter. Ein Arbeitswochenende auf dem Land, an einem See, ein Erholungstag in einer Terme… dann natürlich Ausflüge mit den Stipendiaten, zum Beispiel eine Reise unter Leitung von Peter Deutschmann nach Erfurt und Weimar, alles wertvolle Erinnerungen.
Später, während meiner Zeit als Födermitglied, besuchte ich mehrmals Stipendiaten in ihrer Herkunftsstadt. Ilja P. ist stundenlang zu Fuß mit mir durch Minsk gewandert und hat mir irrsinnig viel erzählt. Unsere allererste Stipendiatin, Oksana V., habe ich mehrmals in Moskau besucht, und wir haben immer schöne Dinge unternommen, zum Beispiel sind wir in das neuaufgelegte Musical Nordost gegangen (nach dem Terroranschlag).
Ein sehr glückbringendes Highlight für mich war das fünfjährige Jubiläum, denn da kamen sehr viele ehemalige Stipendiaten und Gasteltern zusammen und engagierten sich hervorragend in den Seminaren, die Teil des Jubiläums waren. An der Organisation hatte ich so gut wie gar nicht mitgewirkt, habe nur viele ehemalige Mitarbeiter angeschrieben und solche Sachen, aber der Erfolg war trotzdem so schön für mich, weil ich auf einmal sah: Ja, das war richtig, was wir da gemacht haben, die Stipendiaten nehmen interessante (Berufs-)wege, sind Freunde, wir haben sie eine Strecke lang begleitet und ihr Leben verändert, wir können stolz sein. Ganz deutlich sah man hier auch den generationenübergreifenden Aspekt der ganzen Geschichte, dass nämlich diese tolle Athmosphäre immer durch Akteure aus drei bis vier Sphären bestand: Stipendiaten, Copernicaner, Gasteltern und Publikum.
5. Was war dein größter Erfolg bei Copernicus bzw. welche große Hürde hast du/habt ihr gemeinsam gemeistert?
Eine Hürde war natürlich der legendäre Bürobrand in den Paulinenhöfen. Wir durften dann nicht mehr dort Untermieter sein, konnten aber die Schwarzkopfstiftung von unserer Unschuld überzeugen und durchsetzen, dass die Länderabende dort weiter stattfinden dürfen und auch kein Risiko darstellen. Letztlich hat Herr Schmitz wohl auch gesehen, dass die Zusammenarbeit mit uns eine gute Werbung ist und nicht etwa das Gegenteil.
Mein großer persönlicher Erfolg war eine Folgebewilligung durch die Robert-Bosch-Stiftung. Normalerweise machten die nur Anschubfinanzierungen, ich erhielt aber mit meinem Antrag nochmals 60.000 Euro, obwohl der Kostenplan sogar – entsprechend dem tatsächlichen Bedarf – anspruchsvoller war als der ursprüngliche, wir also mehr Geld pro Stipendium haben wollten. Ein wichtiger Grund für die Bosch-Stiftung war die Anerkennung der rein ehrenamtlichen Aktivität und eben der Aspekt der generationenübergreifenden Arbeit, mit dem wir die Ideale von Austausch und Völkerverständigung etc. ja auch in eine ältere, hiesige Zielgruppe trugen.
6. Hast du noch Kontakt zu Stipendiaten?
Ja, aber nicht regelmäßig. Ich bin aber ganz sicher, dass ich jeden von denen jederzeit anschreiben oder anrufen könnte. Alle haben uns wieder und wieder sehr herzlich eingeladen, und wenn ich nach Rumänien, Georgien oder sonstwohin reisen würde, würde ich nicht zögern, mich dort anzukündigen. So habe ich es ja auch bisher gehalten, in Moskau, Minsk und Budapest.
7. Wie siehst du die Zukunft von Copernicus?
Ich finde es großartig, dass es Copernicus noch gibt und wie Ihr das macht. Es gibt ja auch im Leben Momente des Zweifelns, und ich habe immer mal wieder geglaubt, dass man für diese Sache heute nicht mehr so leicht Geldgeber finden wird, weil sich die Interessen verlagert haben, einige der ehemaligen Zielländer bereits zur EU gehören und so weiter. Ich wünsche mir jetzt, dass es eben doch weitergeht, denn immer noch bedeutet so ein Stipendium für einen Moldawier, für zentralasiatische Studenten – aber auch für Polen und Balten – eine tolle Chance. Der Wohlstand in diesen Ländern ist noch längst nicht so hoch wie der in Frankreich oder England, wo sich die Eltern vielleicht leichter mal einen Amerikaaufenthalt oder dergleichen für ihr Kind leisten können. Die Leistungsbereitschaft der Studenten ist auch eine andere. Ich kenne einen jungen deutschen Mann, dem riet ich während seines Grundstudiums immer, mal für ein Studienjahr nach England oder Frankreich zu gehen, das müsse er als Politologe. Er sträubte sich lange Zeit (tat es letztlich doch), mit der Begründung, die ganzen Polen, Tschechen und Rumänen im Studentenwohnheim könnten ja eh viel besser deutsch, englisch und französisch als er (als wir hier). Auch von einer deutschen Lehrerin in Poprad (Slowakei) hörte ich, dass es an einer deutsch-slowakischen Schule vergleichsweise bequem für sie sei, Mathematik-Abiture vorzubereiten, da die Schüler sich ganz anders engagieren würden als etwa an einem Berliner Gymnasium, und dass sie phantastisch deutsch könnten. Sie wollen ins westliche Ausland. Meines Erachtens sollte man das nach wie vor fördern und vielleicht mal wieder den Ursprungsgedanken erneuern, dass es natürlich gut wäre, wenn sie dann eines Tages auch wieder dauerhaft zurückkehren und die Entwicklung ihres Heimatlandes fördern würden, als Meinungsbildner und Führungskräfte.
Oksana und Nina. Moskau in Winter (2003 oder 2004)
Bisher erschienen:
Persönliche Retrospektiven 1: Gastfamilie E. u. H. T. , Berlin-Lichterfelde
Persönliche Retrospektiven 2: Stipendiatin Irina V., Russland (SS 2002)

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