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10 Jahre Copernicus Berlin – Persönliche Retrospektiven 4: Gastfamilie Kerst

August 7th, 2010 by Guarani

Am Wochenende vom 10. bis 12. September 2010 feiert Copernicus Berlin sein 10-jähriges Bestehen im Rahmen einer Jubiläums Veranstaltung. Ein willkommener Anlass die Menschen, die dieses einmalige Stipendienprogramm prägen und geprägt haben, zur Wort kommen zu lassen, in Form eines Rückblickes.

Wir haben ehemaligen wie aktuellen Stipendiaten, Gasteltern und Aktiven Fragen zu Copernicus gestellt und veröffentlichen deren Antworten hier im Blog.

An diese Stelle bedanken wir uns bei den Förderern, die unserer Jubiläumsveranstaltung ermöglichen, namentlich die Stiftung Errinerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), Robert Bosch Stiftung, Sigram Schindler Stiftung und die Werner Zapf Stiftung.

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Gastfamilie Kerst (Zehlendorf)

1) Wie kamen Sie zu COPERNICUS?


Wir wurden von Herrn von Moers als Gasteltern für Copernicus angeworben. Herr von Moers wußte, dass wir vor geraumer Zeit Studenten aus den USA und Canada betreut hatten.

2) Was war der ausschlaggebende Grund, Gasteltern bei COPERNICUS zu werden?

Nach der Wende 1989/1990 halten wir die Möglichkeit für Studenten aus ehemaligen Ostblockstaaten wenigstens 1 Semester in Deutschland (D) studieren zu können für die Entwicklung in ihren Heimatländern für wichtig. Gemäß der jüngsten Aussage des früheren tschechischen Präsidenten Vaclav Havel, dass  es wichtig sei, die demokratische Gesellschaft dort zu unterstützen, wo Diktatur herrscht oder herrschte.”Es schadet ihnen nicht, es nützt ihnen. Wir müssen die Studenten unterstützen”.

Gerade bei den beiden Studentinnen aus Belarus hatten wir “Töchter”, die die Form der Gastelternschaft in vielen Gesprächen gut genutzt und auch geschätzt haben. Unser Interesse bestand auch darin, aufzuzeigen, dass D nicht nur auf 12  Jahre 3. Reich zu reduzieren sind.

3) Gibt es ein gemeinsames Erlebnis mit einem Stipendiaten, an das Sie sich besonders gern erinnern?

Ein Tagesausflug bei bestem Wetter mit Besuch von:

- Gedenkstätte KZ-Sachsenhausen, wo sich D den von ihm verursachten Menschenrechtsverletzungen und Gräueln stellt. Unser Stip war sehr interessiert und beindruckt und hat vieleFotos gemacht.

- Besuch des Dorfes Meeseberg mit dem Gästehaus der Bundesregierung zur Verdeutlichung einer Offenheit, wie sich D seinen Staatsgästen gegenüber schlicht repräsentiert ohne eine martialische, strikte Bewachung.

- Besuch eines Gartenlokals am Wasser, in dem wir bei Sonnenschein gegessen haben.

- Besuch des Schlosses Oranienburg, in dessen Park seinerzeit die Landesgartenschau von Brandenburg mit einem bunten und witzigen Programm, einer Künstlergruppe “Die Aristokraten” bestehend aus Tänzern, Pantomimen, Artisten als Adlige mit dem Kurfürsten und seiner Frau Louise präsentiert wurde. Dieser Tag endete erst gegen Mitternacht und war vermutlich ein Highlight des Studiensemesters unserer Leihtochter -sie war ja nur von ihren Eltern geborgt!

Ein Sommersemester läßt sich wegen der günstigeren Witterungbedingungen leichter und somit vielfältiger als ein Wintersemester gestalten, wenn alle es denn so wollen. Im Winter haben wir mit einem anderen Stip, ebenfalls aus Belarus, das Museum in Seelow (Oderbruch) besucht, das im wesentlichen die Schlacht um Berlin zum Thema hat und die gefallenen sowjetischen Soldaten mit einem Friedhof würdigt.. Die Kämpfe haben seinerzeit 40.000 Soldaten- davon 20.000 der Roten Armee- das Leben gekostet..

4) Haben Sie noch Kontakt zu Gaststudenten? Wie?

Zu drei unserer vier Gasttöchter haben wir noch Kontakte per eMail, davon zu den beiden letzten häufig.

5) Nach den langjährigen Erfahrungen: worauf sollte
COPERNICUS in Zukunft stärker Gewicht bei der
Auswahl legen?

Bei der Auswahl der Stips sollten jene bevorzugt
werden,  die neben der Gewichtung ihrer Qualifikationen
noch wenig Erfahrungen im “westlichen” Ausland haben,
um “Studiertourismus” nicht Vorschub zu leisten.

6) Was bestimmt aus Ihrer Sicht ein ideales Verhältnis
zu den Ihnen Anvertrauten?

Seitens der Gasteltern sollte ähnlich vertrauensvoll wie
mit den eigenen Kindern umgehen. Das Studium hat Vorrang wie auch die Veranstaltungen von Copernicus! Gasteltern sollten  Angebote für gemeinsame Unternehmungen wie Theater-/Konzertbesuche oder Ausflüge, die auch schwierige Lebensbedingen in D z.B. in abgelegen Dörfern auf dem Lande zeigen. Es gibt auch Armut hier und die Glitzerwelt der Großstadt ist keineswegs überall.

7. Welche Kulturunterschiede sind Ihnen aufgefallen?

Wir haben wenig Kulturunterschiede bemerkt und waren davon überrascht. Da unseren Stips Zeitungen und ähnliche Informationen zugänglich waren, haben wir bei manchen “kleinkarierten” Themen die Frage “Wo ist das Problem?” gehört. In die U-Bahn geschoben zu werden ist in Minsk nicht unüblich. Wir haben auch so manches gelernt! Das Sprachverständnis wurde und auch immer besser und eventuelle Mißverständnisse blieben so aus!

7) Was würden Sie gerne noch loswerden aus Anlass unseres Jubiläums?

Wir halten die Länderabende für wichtig und wertvoll, da sie den Stips die Möglichkeit der Darstellung ihrer Heimat bieten. Wichtig ist, dass die Zuhörer einen Blick für Land und Leute und die Lebensbedingungen der Menschen dort im Hinblick auf Ressourcen materiell, Bildung etc. gewinen können.

Im Hinblick auf die beschränkten Parkmöglichkeiten in der Sophienstraße sollte zur Vorbereitung und Präsentation  landestypischern Speisen nur ein Haushalt mit den betreffenden Stips mit der zugehörigen Logistik ausrichten, denn meistens wohnen ja unsere Schützlinge im Südwesten der Stadt.

Bisher erschienen:

Persönliche Retrospektiven 1: Gastfamilie E. u. H. T. , Berlin-Lichterfelde

Persönliche Retrospektiven 2:  Stipendiatin Irina V., Russland (SS 2002)

Persönliche Retrospektiven 3:  Copernicus (ehem.) Aktive Nina H.

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