Copernicus Stipendium e.V. – Blog random header image

Abschlussbericht Yanina Sedelnik

November 3rd, 2010 by clara

Ein halbes Jahr meines Aufenthaltes in Deutschland steht hinter mir. Ich habe viel Neues erlebt, interessante Leute kennengelernt, und auch viel nützliches für mein weiteres Leben gelernt.
Ein halbes Jahr in Deutschland mit Copernicus sind das Studium an einer deutschen Universität, das Praktikum in einem Unternehmen, Organisation oder Zeitung, einen Bezug zu Osteuropa haben, das Leben in einer deutschen Gastfamilie und das Zusammensein mit den Aktiven in Copernicus – davon handelt mein Abschlussbericht.

Das Studium: das deutsche Universitätssystem unterscheidet sich gründlich vom belarussischen System. Die Ausbildung ist so eingerichtet, dass der Student selber viel machen muss, an der Uni bekommt er nur die Grundkenntnisse und fast keinen Zwang zum Lernen. Deswegen hatte ich anfangs nicht nur Sprach-, sondern auch Konzentrationsprobleme. Der Student aus Belarus, der als Copernicus Stipendiat nach Deutschland kommt, muss vor der Einreise das deutsche System studieren. Meiner Meinung nach habe ich zu wenig darüber gelesen. Man muss den Unterschied zwischen den Anforderungen zum Bachelor- und Masterstudium kennen. Wie auch z.B. wissen, was eine Klausur oder was eine Hausarbeit ist.
Die Anforderungen an der deutschen Universität waren gerecht. Aber ich selbst habe damit ein bisschen Probleme bekommen, weil ich erstens Hausarbeiten und nicht Klausuren schreiben musste, und zweitens die Stadt verändert habe. Aber das deutsche Universitätssystem finde ich definitiv viel progressiver, als unseres. Während bei uns noch sowjetische Regeln an den Unis herrschen, sind die Professoren in Deutschland viel moderner. Sie benutzen aktiv das Internet, wissen was Facebook oder Twitter ist und haben nichts dagegen, weil sie, wie meisten Menschen der europäischen Welt, die Rolle der sozialen Medien anerkannt haben. Als Beispiel kann ich ein Ereignis nennen: eines Tages, während der WM, hat der Professor an er Uni erlaubt, im Unterricht ab und zu in den Laptop zu gucken, um den Zwischenstand zu folgen. Natürlich wurde der Unterricht damit nicht unterbrochen, die Studenten konnten sich sogar mehr entspannen. Das heißt meiner Meinung nach Demokratie.

Praktikum: Diesen Punkt kann ich persönlich unendlich loben. Meine Situation war anders, als bei den anderen Stipendiaten, weil ich das Praktikum nicht in Berlin, sondern in Bonn bei der Deutsche Welle gemacht habe. Einerseits hatte ich natürlich anfangs Schwierigkeiten, da ich hier so zu sagen ganz alleine war (ohne Copernicaner, ohne andere Stipendiaten). Dazu hatte ich auch ein Missverständnis mit meiner zweiten Gastfamilie. Aber dafür war mein Praktikum echt super. Das war ohne ein Wort zu lügen das beste Praktikum in meinem professionellen Leben. Während meines Praktikums konnte ich mich endlich als Journalistin frei und entspannt fühlen, ich könnte jeden Tag etwas Neues erfahren und viel lernen. Ich hatte meinen eigenen Arbeitsplatz, was ich z.B. während meinen Praktika in Belarus niemals gehabt hatte. Und natürlich habe ich ein nettes Team kennengelernt, junge attraktive Leute, die dich verstehen und als einen richtigen Mitarbeiter schätzen.
Ich habe von der Deutschen Welle z.B. die Aufgabe bekommen, im russischen Konsulat einen Beitrag zu machen, was mir viel gebracht hat.
Darüber hinaus habe ich mich für immer in die Stadt Bonn verliebt. Man sagt oft, das Berlin international und multikulturell ist. Über Bonn kann ich das auch sagen, aber diese Stadt ist nicht nur „multikulti“ wie die Hauptstadt, sondern auch ruhig und sauber, was in Berlin meiner Meinung nach fehlt.

Gastfamilien:
So ist es geschehen, dass ich nicht eine, sondern drei Gastfamilien gehabt habe. Die Idee, Stipendiaten anstatt in einer WG oder im Studentenwohnheimen unterzubringen, in Gastfamilien unterzubringen, finde ich gleichzeitig gut und schlecht. Das Leben in drei deutschen Gastfamilien war für mich immer anders, d.h. man lernt nicht sosehr die deutsche Mentalitätsbesonderheiten, sondern einfach die Leute kennen. Das ist wie im Gewinnspiel: entweder ist man Gewinner, oder Verlierer. Es hängt davon ab, ob du dich persönlich zu den anderen Leuten angezogen fühlst, oder nicht. Die Besonderheiten der deutschen Mentalität habe ich schon in der Kindheit kennengelernt, deshalb waren für mich neue Leute erstrangig als Leute interessant.
In meiner ersten Gastfamilie, oder genauer gesagt bei meiner Gastmutter Eva habe ich mich gut gefühlt. Die Frau hat mir viel Freiheit gegeben und hat für mich ab und zu sogar gekocht, was ich nach drei Jahren „für mich selber kochen“ wirklich toll fand. Sie hat auch mit mir gesprochen, damit ich mein Deutsch verbessern konnte. Ich habe ihre Tochter, Enkelkinder, ihren Sohn und Nachbarn kennengelernt. Also habe ich mich als Teil einer großen Familie gefühlt.
Meine zweite Gastfamilie wohnt in Erftstadt. Das sind die Leute, mit denen ich mich weniger verstanden habe, weil ich den zu spezifisch fand. Am ende dieses Aufenthaltes habe ich bestimmte Schlussfolgerungen gezogen und viele Sachen für mein weiteres Leben verstanden.

Aber…Alle gute Dinge sind drei, sagt ein bekannter Spruch. So war es auch in meinem Fall. Ich bin dem Schicksal dafür dankbar, das der mich mit meiner dritten Gastfamilie zusammengebracht hat. Den letzen Monat meines Aufenthaltes in Deutschland habe ich mit wesensverwandten Leuten verbracht. Das neunjährige Mädchen ist meine Schwester geworden, die Frau und den Mann fand ich von Anfang an einfach cool. Die anderen Kinder waren alle auch besonders nett zu mir. Und wenn mich jemand fragen würde, ob ich eine richtig deutsche Gastfamilie kenne, werde ich mich immer an diese Familie erinnern. Ich schreibe wieder ohne zu lügen, ich würde gerne meine Gastmutter Christine als meine echte Mutter haben – solche Frauen sind ein Schatz – lieb, nett, schöpferisch und stark. Also, von meiner dritten Gastfamilie bin ich wohl begeistert.

Copernicus: das Programm gibt einem Studenten, der wie in meinem Fall nicht aus einem EU Land kommt, die Möglichkeit, sich weiter zu entwickeln, den Bekannten- oder Freundeskreis zu verbreiten, die Systeme an der deutschen und der Heimatuniversität zu vergleichen, dazu noch ein bisschen zu reisen und über das Leben nachzudenken. An Copernicus hat mir besonders gefallen, das uns das moderne und junge Team begleitet hat. Man konnte sich fast in jedem Fall an sie wenden, und man bekam Antwort auf Fragen. Was mir an dem Programm persönlich gefehlt hat, ist die Organisation. Ich habe erwartet, dass alles viel besser organisiert wird, dass wir am Anfang unseres Aufenthaltes ein festes Programm bekommen und alle Formalitäten leicht erledigt werden. Deshalb habe ich mich am Anfang ganz einsam und hilflos gefühlt. Mein Tipp an Copernicus wäre: ein sehr gut organisiertes Programm im ersten Monat zu haben. Alles, angehend von der Anmeldung in der Stadt bis zur Erklärung, die das Uni- und Banksystem funktioniert, muss gut und ausführlich erklärt werden. Man muss denke ich nicht vergessen, dass Stipendiaten aus verschiedenen Ländern kommen, verschiedene Alter und soziale Lebenshaltungen haben.

Aber insgesamt bin ich dem Copernicus und allen Aktiven natürlich sehr dankbar. Während meines Aufenthaltes in Deutschland habe ich Zeit bekommen, um nachzudenken, und Pläne für mein weiteres Leben in Belarus zu schmieden. Jetzt weiß ich Bescheid, was ich weiter machen soll. Hier in Deutschland habe ich mindestens zwei wichtige Entscheidungen getroffen.
Ich habe mich in Deutschland stark verändert, ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, noch schwer zu definieren, aber ich weiß, – ehemalige Jana kommt nicht mehr. Ich habe in Deutschland viel Erfahrung gesammelt und ich hoffe, dass es nur Vorteile in meinen Leben bringt.

Den zukünftigen Stipendiaten wünsche ich mindestens von Anfang an viel mit Copernicanern und anderen Stips zusammen zu sein. Bevor man einreist, sollte man im Internet die Stadt Berlin kennenlernen und einen kleinen Plan machen, wohin man möchte, was man unbedingt machen und erreichen will.
Yanina Sedelnik

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