Einmal und für immer in Berlin verliebt
Mein Abschlussbericht…so schwer darüber zu sprechen, so schwer darüber zu schreiben. Abschluss, Abschied, Abfahrt… davon, was mir so lieb ist, was ein unentbehrlicher Teil meines Lebens geworden ist, was mich so glücklich macht…die Tränen steigen mir in die Augen. Die Tränen der Freude und die Tränen der Traurigkeit zugleich. Ein Stück des Lebens ist vorbei, des glücklichsten Lebens, das ich hatte. Und es wird noch besser, das weiß ich bestimmt. Das Leben in Berlin hat mir gezeigt, dass jeder Tag und jede Nacht, die mir gegeben sind, wunderschön sind. Genieß dein Leben jetzt und heute – nach solchem Motto lebt man in Berlin. Es gibt Tage, die in einem Moment dein ganzes Leben verändern.
Ich erinnere mich genau an den Tag, oder genauer gesagt es war schon tiefe Nacht (2 Uhr), als ich die E-mail von Copernicus gelesen habe. Ich bin im Kreis der Favoriten für das Studium in Berlin!!! Ich war so aufgeregt, ich konnte kaum ein Wort aussprechen und ich konnte einfach nicht daran glauben. Nachdem ich das endlich begriffen hatte, sprang ich wie ein kleines Kind vor lauter Freunde auf mein Bett. Das war für mich eine schlaflose Nacht… Dann begannen die langen Tage der Erwartung und der Vorbereitungen. Ich erstaune mich immer darüber, wie viel Zeit und Mühe dieser langwierige Prozess der bürokratischen Formalitäten verlangt. Aber alles wurde geschafft und auf meinem Visum lächelte ein glückliches Gesicht. Die letzten Wochen vor Abreise konnte ich an nichts anderes als an Berlin denken. Leichten Herzens verließ ich Minsk, obwohl niemand mich an diesem Tag zum Bahnhof gebracht hatte. Ich bestellte ein Taxi, trug alleine meine schweren Koffer nach unten. Und jetzt mein erster Tipp für die zukünftigen Stipendiaten (insbesondere für die Stipendiatinnen): bringt nicht so viel Kleidung mit!!! Die kauft ihr hier. Aber selbstverständlich, Frauen sind Frauen. Sogar im Zug in meinem Schlafwagen war ich alleine. Ich habe da über vieles nachgedacht. Ich wusste nicht, was mich in Berlin erwartete, aber ich wusste, ich werde da glücklich. Und jetzt kann ich sicher sagen, das war die beste Zeit in meinem Leben, ich habe hier für diese sechs Monate so vieles und schönes erlebt, was ich in meinem ganzen vorherigen Leben nie erlebt hatte. Berlin ist für mich ein Zuhause geworden, da habe ich alles gefunden, dass ich brauche, da habe ich gelebt, da bin ich Berlinerin geworden.
Einfach Copernicaner, einfach Freunde
Aber ohne Copernicus wäre das unmöglich gewesen. Ich möchte mich bei allen Copernicanern bedanken. Vielen Dank!!!!! Was sie für die Stipendiaten über die Jahre gemacht haben und machen, kann man mit nichts vergleichen. Dank ihnen habe ich einen guten Start ins Leben bekommen, ich habe ein ganz anderes Leben gesehen und gelebt und das hat mich völlig verändert. Ich bin nicht dieselbe Oksana, die ich früher war. Ich bin hier erwachsener und erfahrener geworden. Ich weiß nicht genau, woran es liegen kann und wie ich das erklären soll, ich bin einfach anders, das fühle ich. Und natürlich haben mich neue Eindrücke, Kenntnisse und Menschen, die ich hier bekommen, gesammelt und kennengelernt habe, auf ihre besondere Art bereichert. Und ich fühlte mich hier nie alleine oder hilflos. Copernicaner standen immer mit Rat und Tat zur Seite. Und nicht nur in den organisatorischen Fragen. Wir haben zusammen auch eine schöne Zeit verbracht und vieles unternommen. Meine Freunde, die in Berlin ihr Austauschsemester mit anderen Programmen machten, beneideten mich sogar und bewunderten, dass es so was gibt. Copernicaner sind nicht nur die Organisatoren und Veranstalter, sondern auch gute Freunde. Mit ihrer Unterstützung habe ich mich schnell in mein neues Leben in Berlin eingelebt.
Sehr geehrter Herr Humboldt
Einmal an der HU in Berlin studieren zu können, ist wohl ein Traum für alle, die schon mal etwas von dieser weltbekannten Universität gehört haben. Als ich erfuhr, dass ich ein Semester an der HU studieren würde, freute ich mich riesig und war natürlich stolz, eine der Studentinnen dieser renommierten Universität zu sein. Außerdem wollte ich das deutsche Universitätssystem hautnah erleben, davon hatte ich nämlich schon viel gehört oder gelesen. Gerade hier in Berlin fühlte ich mich wie eine richtige Studentin und konnte endlich von meinem Studium genießen. Ich habe Fächer gewählt, die mich wirklich interessierten und die für meinen zukünftigen Beruf von großen Nutzen sind. Im Vergleich zu meinem Studium in Belarus, wo wir einem festen Studienplan folgen und eine Menge Fächer, die eigentlich für uns und für unseren Beruf gar keinen Zweck haben, pauken müssen, ist das Studium in Deutschland ein guter Standort für alle, die wirklich studieren und etwas Praktisches erwerben wollen. Natürlich verlangt das aber viel selbstständige Arbeit und Verantwortung. Nichts fällt einfach so vom Himmel in die Hände.
Ich möchte Dolmetscherin werden. Eigentlich besuchte ich keine Vorlesungen, nur Seminare und Übungen, wo wir mit anderen Studenten im kleinen Kreis gut zusammen arbeiten konnten. Das verlief immer in einer freundlichen Atmosphäre, ungezwungen und das war sehr effektiv, weil jeder jedes Mal abgefragt wurde. Natürlich mussten wir immer viel Hausarbeiten machen und dann noch vier Stunden pro Tag intensiv in unseren Kabinen dolmetschen. Aber das lohnte sich, weil ich hier in vier Monaten mehr gelernt habe, als in vier Jahren Studium in Minsk. Außerdem hatten wir eine gute Möglichkeit, uns in die berufliche Tätigkeit des Dolmetschers unmittelbar zu vertiefen, weil wir verschiedene Fachgespräche und Veranstaltungen besuchten und die Dolmetscher (unter ihnen auch verdiente Dolmetscher!) kennenlernten.
Meine Sprachkurse haben mir auch viel Spaß gemacht, vielleicht nicht nur wegen was ich hier gelernt habe, sondern wegen zahlreichen Freundschaften, die ich mit jungen Menschen aus der ganzen Welt geschlossen habe. Ich finde es außerordentlich interessant, wie Leute kommunizieren und dabei eine Sprache benutzen, die eigentlich nicht ihre Muttersprache ist. Aber das verbindet und man versteht sich bei den ersten Worten. Ich hatte eine wirklich tolle Gruppe und zusammen haben wir vieles in unserer unterrichtsfreien Zeit unternommen. So waren wir z.B. zusammen in Leipzig, wo wir einen schönen vorweihnachtlichen Tag verbracht haben.
Das einzige, was mir nicht besonders gefallen hat, ist der Fall mit meinem Studentenausweis, der eigentlich dadurch verursacht wurde, dass alles hier (z.B. Registrierung) online, durch Internet verläuft. Und wenn darin ein Fehler auftritt, dann braucht man wirklich viel Nerven und viel Zeit, um das lösen zu können. Ich habe meinen Studentenausweis erst im Januar bekommen, weil ich bei einem anderen Studiengang eingeschrieben war als ich studieren wollte. Ich bekam erst drei vorläufige Bescheinigungen, mit denen ich oft Probleme hatte. So wurde ich eines Tages von den Kontrolleuren in der S-Bahn der Verfälschung meines Studentenausweises bzw. dieser vorläufigen Bescheinigung beschuldigt. Das war eine sehr unangenehme Situation, weil man mich überhaupt nicht hören wollte und ich ziemlich grob von ihnen behandelt wurde. Außerdem riefen sie noch die Polizei, die ich übrigens sehr nett finde. Nach einem kurzen Anruf an die Uni wurde alles geklärt und ich wurde freigelassen. Aber ich fühlte mich den ganzen Tag so gedemütigtg. Und was komisch war, als ich meinen Studentenausweis endlich bekam, standen drei Fächer drauf, die ich überhaupt nicht studierte. Aber ich war so glücklich, endlich meinen Studentenausweis zu haben und so beschloss ich, nichts zu ändern lassen, weil es sonst noch drei Monate dauern könnte.
Von der Mitte ins Grüne
Vor meinem Aufenthalt in Berlin hatte ich schon eine Erfahrung mit einer deutschen Gastfamilie. Das war für mich nicht neu, aber ich war gespannt und natürlich etwas aufgeregt, weil ich mit dieser neuen Familie nicht ein paar Wochen zusammen wohnen würde, sondern sechs Monate. Ich wusste nicht, wie ich mich verhalten musste, weil es selbstverständlich ist, dass jeder schon seit vielen Jahren seine Gewohnheiten hat und es ist immer schwer, sich an neuen Bedingungen anzupassen. Aber bleibt so, wie ihr seid. In meinem Fall konnte ich mir das sogar nicht besser vorstellen. Keine Hemmungen und keine Verlegenheit gab es zwischen uns. Aber es passierte so, dass ich während meines Aufenthaltes zwei Gastfamilien hatte. Und ich habe wirklich eine schöne Zeit mit beiden Familien zusammen verbracht. Die ersten zwei Wochen wohnte ich noch bei Clara und sie hat mir in dieser Zeit sehr geholfen, damit ich mich ins Leben in Berlin anpassen konnte. Die ersten Tage hat man nur Fragen, weil alles so unbekannt ist. Und dieses unglaubliche S- und U-Bahn-Netz!! Ich dachte, ich slerne nie, wie das mit dem zahlreichen Umsteigen funktioniert. Ich hatte anfangs sogar Angst, alleine mit der S-Bahn zu fahren und mich in dieser riesigen Stadt zu verlaufen. Aber in der Wirklichkeit ist es ganz einfach, mit der Zeit geht es automatisch und man braucht dann keinen Fahrplan mehr.
Niemand von den ehemaligen Stipendiaten wohnte so zentral wie ich, in Mitte. Fünf-Sieben Minuten zu Fuß –und du bist am Alex oder auf der Museuminsel, eine Station mit der S-Bahn – und ich war an der Unil!!! Vier Monate wohnte ich bei meinem Gastvater Bernd in den Hackeschen Höfen und ich bin für diese Zeit etwas verwöhnt geworden, aber im guten Sinne des Wortes. Jeden Tag erwachte ich von den Stimmen von Touristen, die unten durch die Höfe herumliefen. Wohl jeder wünscht sich mal im Luxus zu leben. Aber das allerwichtigste ist natürlich das gute Verständnis und Verhalten mit den Menschen, bei denen man wohnt. Und das hatte ich auch. Ich war völlig selbstständig, kochte sogar für mich selbst. Mit meinem Gastvater frühstückten wir aber manchmal zusammen oder wir hatten ein schönes Abendessen mit Wein und einem guten Gespräch. Leider verbrachten wir nicht so viel Zeit zusammen, weil Bernd oft unterwegs war und ich hatte schon seit den ersten Wochen meines Aufenthaltes so viele Freunde, dass ich einfach nicht zu Hause bleiben konnte.
Nach 4 Monaten musste ich umziehen, weil ein Familienmitglied das Zimmer brauchte. Der Abschied fiel mir ziemlich schwer, ich hatte mich an mein neues Leben und meinen Gastvater gewöhnt, aber ich bedauere nichts, weil meine neue Gastfamilie eine richtige Familie für mich war und sie hatte solche Bedingungen geschafft, dass ich mich hier wie zu Hause fühlte, wohl und ganz frei in meinen Tätigkeiten und Bewegungen. Und das finde ich toll, wenn man in nichts beschränkt wird. Ich habe hier eine andere Seite von Berlin kennengelernt, Zehlendorf, ein grünes Fleckchen auf dem Stadtplan.
Mit meiner neuen Gastfamilie habe ich erlebt, was eine große Familie bedeutet und habe hier so viele Enkelkinder kennengelernt. Mit meinem Gastvater Claudius haben wir einige schöne Ausflüge ins Grüne gemacht und er zeigte mir Berlin von einer ganz anderen Seite mit viel Grün, Wasser und Natur. Danke an meine Gastmutter Ursula für ein so leckeres Essen, das sie für uns gekocht hat. Was ich auch sehr interessant finde, ist unsere Art zu kommunizieren, ich habe nämlich mit meinem Gastvater per Internet kommuniziert. Er saß in seinem Zimmer oben und ich in meinem unten, und so konnten wir von einander kleine Nachrichten bekommen.
Laminieren und frankieren
Es kam so, dass ich mein Praktikum erst eine Woche vor Beginn gefunden habe. Es war nicht leicht einen Praktikumsplatz zu finden, weil sechs Wochen fürs Praktikum zu kurz sind und die meisten Arbeitgeber eine Praktikantin für mindestens drei Monate brauchen. Oder es dauerte so lange, weil ich meine Suche anfangs nicht so ernst nahm und nur im letzten Monat anfing, aktiv etwas zu suchen.
Als ich jeden Tag mit der U-Bahn zum Praktikum fuhr, dachte ich oft daran, wie es schön es wäre, wieder zur Uni zu gehen. Damit will ich nicht sagen, dass es schlecht war. Nein. Mir fehlten einfach meine Freunde von der Uni, diese studentische Atmosphäre und eine bestimmte Sorglosigkeit. Und dazu musste ich jeden Tag früh aufstehen, das war wohl das Schwerste für mich während meines Praktikums.
Dank der Hilfe meines Gastvaters Claudius habe ich einen Praktikumsplatz beim Forum Berufsbildung e.V. in der Abteilung Marketing bekommen. Es hat eigentlich mit meiner Fachrichtung nichts zu tun, aber für mich waren das Arbeitsklima und der Umgang mit dem Team viel wichtiger. Und die habe ich bekommen. Alle Mitarbeiter waren sehr nett, und für mich war es zuerst etwas Ungewöhnlich, dass die Menschen einander begrüßen, sogar jene, die ich nicht kannte. Aber dadurch hatte ich das Gefühl, dass ich auch diesem Team gehörte. Von meiner Tätigkeit war ich anfangs nicht so begeistert, aber das ist selbstverständlich – Bürotätigkeit, was soll da Spannendes und Interessantes sein? Aber ich finde das gut, dass ich von den anderen auch als eine der Mitarbeiterinnen betrachtet wurde. Ich habe hier einen Blick in die Arbeitswelt einer deutschen Organisation bekommen und einiges gelernt, was mir in meinem zukünftigen Leben bestimmt hilfreich wird. Ich habe auch begriffen, dass man sich keine Illusionen machen muss, dass Arbeitsgeber mit offenen Armen auf dich warten. Um etwas im Leben erreichen zu können, braucht man einige Jahre harte Arbeit und wenn mal etwas schief läuft, lass den Mut nicht sinken!
Genießt euer Leben
So kann man noch vieles über meinen Aufenthalt in Berlin erzählen, weil jeder Tag ganz besonders und ereignisvoll war. Aber es tut mir leid, ich kann so was nicht leisten, ich muss dringend weg, um meine letzten Tage in dieser schönen Stadt zusammen mit vielen Freunden noch genießen zu können. Leider hatte ich nicht genug Zeit, um alles besuchen und besichtigen zu können. Das konnte ich mir einfach körperlich nicht leisten, da in Berlin jeden Tag etwas abläuft, was für die jungen Leute besonders interessant und anziehend ist. Sitzt nicht zu Hause! Entdeckt die Stadt, jeden Tag!!! Fahrt mit der U-Bahn oder S-Bahn, steigt irgendwo aus, wo ihr noch nicht wart und geht einfach durch die Straßen spazieren. Da kann man eine Menge Neues entdecken, was schön, ungewöhnlich oder für jemanden sogar abscheulich sein kann. Berlin ist verschieden, einmalig, aber trotzdem so lieb. Lernt neue Menschen kennen, fragt und kommuniziert. Einmal in Berlin zu leben, bedeutet für immer in Berlin verliebt zu sein. Vielen Dank an alle Copenicaner, meine Gasteltern, meine lieben Freunde und an diese schöne Stadt Berlin!!!
März 2011
Oksana Ratschizkaja
Tags: Abschlussbericht