Berlin – 6 Monate vom Glück

Alexey mit Staubsauger und das Copernicus-Team
Alexey mit Staubsauger und das Copernicus-Team

Abschlussbericht

Alexej Galkin

10.03.2016

Stipendiat von Copernicus WS 2015/16


Als ich in der 9. Klasse mit dem Deutschlernen anfing, wurde ein Besuch in Deutschland langsam zu meinem Traum. Aus diesem Grund sind meine Emotionen seit dem ersten Tag hier kaum beschreibbar. Copernicus hat mir eine einzigartige Möglichkeit angeboten, ein Auslandssemester in Berlin abzuschließen.

 

Der DAAD verfügt über fast keine solche Programme für Bachelorstudierende, studentischen Austausch können nur (wenige) Unis in Russland anbieten. Die Lebenskosten muss man in dem Fall selbst decken, was sich nicht jeder Student leisten kann (625 EUR/Monat Existenzminimum * 6 Monate = 3 750 EUR). Daraus folgt meiner Meinung nach die soziale Bedeutung von Copernicus: eine Chance für zielstrebige Studenten zu geben, aus der aussichtslosen Lage in Bezug auf die Karriere in ihrem Land einen Ausweg zu finden. 

Also muss ich mich erstmal bei Copernicus für diese Möglichkeit bedanken, und hoffentlich sind die Vereinsmitglieder nach dem Lesen dieses Berichts davon überzeugt, dass ich diese Möglichkeit richtig ausgenutzt habe. 

Der wichtigste Punkt bei meinem Aufenthalt war natürlich das Studium an der Humboldt-Universität. Für mich persönlich war das der Höhepunkt meines akademischen Lebens. Sechs Semester lang hatte ich an der Heimatuni allgemeine Fächer wie Philosophie und Geschichte studiert, es gab nur wenig davon, was zu tun hatte mit meinem Schwerpunkt – Finanzen. Der Vorteil für einen Programmstudenten an der HU ist, dass man alle Kurse selber wählen darf, und ich habe mir natürlich auch viel Interessantes in meinem Fachgebiet ausgesucht. 

Viele Kleinigkeiten sind mir sofort aufgefallen: wie anders der Studienprozess organisiert ist, was Menschen in der Mensa bevorzugen usw. Was ich aber wichtig finde, ist, dass alles ordnungsgemäß und bequem für die anderen gemacht wird: den ganzen Lehrstoff (außer zusätzliche Literatur) kann man aus dem Uni-System „Moodle“ bekommen, junge und begabte Dozenten betonen das Wichtigste und erklären verständlich. Insgesamt finde ich die Wirtschaft an der Humboldt-Universität quantitativ orientiert, das heißt, es gibt mehr mathematische Aufgaben, weniger Theorie und mehr anwendbare Kenntnisse. Obwohl die Belastung an den russischen Hochschulen wahrscheinlich höher ist, ist sie bestimmt nicht so fruchtbar wie hier.

Während des Studiums gibt es auch mehr Möglichkeiten für ein aktives gesellschaftliches Leben. Ich habe Glück gehabt, viele Erasmus-Studenten aus meiner Fakultät kennenzulernen. Sie hatten jederzeit etwas vor, und ich machte oft mit. Das war immer ein wunderschönes interkulturelles Erlebnis – die Jugend aus allen möglichen Ländern hat eigentlich mehr gemeinsam, als man sich denken kann.

Erasmus-Fahrt ans Meer
Erasmus-Fahrt ans Meer

Erstaunlich war für mich der Preis für Uni-Sport: ca. 25 Euro reichen für das ganze Semester für einen Kurs. Ich habe sogar zwei gewählt, obwohl ich vorher weder Möglichkeit noch große Erfahrung mit dem Basketball hatte, und Copernicus hat diese Kosten teilweise gedeckt. Das hat für mich eine ganz neue Basketball-Welt entdeckt und die ganze Vielfalt des Spiels. Ich mache mir schon Gedanken, ob ich zu Hause noch weiter mit diesem Hobby fortfahren kann, weil es in der Regel weder günstig noch bequem ist.

Zusätzlich habe ich auch einen Deutsch- und einen Spanischsprachkurs gemacht. Spanisch brauchte ich, um die Sprache nicht zu vergessen: nächsten Sommer habe ich ja eine Abschlussprüfung. Es war auch eine spannende linguistische Erfahrung, aus einer Fremdsprache in eine andere zu übersetzen und die Erklärungen der Professorin zu verstehen. Der Deutschkurs hat nicht wirklich viel zu meinen Deutschkenntnissen beigetragen, denn auf dem hohen Sprachniveau stehen verschiedene grammatische Kleinigkeiten im Fokus, die nicht so oft in der Umgangssprache verwendet werden. Stattdessen war jede Unterhaltung mit Hiesigen von großer Bedeutung für mich: eine Umgangssprache zu beherrschen finde ich viel nützlicher und sinnvoller als das schriftliche Hochdeutsch. Dieses Ziel habe ich leider nicht 100% erreicht, aber die Erfahrung mit der Gastfamilie war sehr wertvoll in diesem Sinne.

Genau, die Gastfamilie war eine sehr angenehme Überraschung für mich. Ursprünglich hatte ich das skeptisch betrachtet: ein halbes Jahr mit ganz fremden Menschen aus einer anderen Generation wäre mit Sicherheit viel unbequemer als das eigene Zimmer im studentischen Wohnheim. Es stellte sich aber heraus, dass die Familie Augustin nicht nur sehr nett und freundlich im Umgang waren, sondern auch in einem gewissen Sinne mein Leben in Berlin erleichterten. Ohne meine Freiheit irgendwie zu begrenzen, haben Sie mir vielseitig geholfen und das Gefühl eines einheimischen Lebens mit mir geteilt. Was Besseres hätte ich mir wirklich nicht wünschen können, also danke vielmals an die Augustins für wunderschöne Momente.

Ein wichtiger Teil des Aufenthalts war das Praktikum. Die Praktikumssuche liegt komplett auf den Schultern der Stipendiaten (außer Bewerbungstraining und sprachliche Korrektur der Bewerbungsunterlagen von Copernicus). Das war eine richtige Herausforderung: der Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland ist hoch, und unerfahrene Ausländer aus nicht-EU-Ländern haben logischerweise keinen Vorrang, auch wenn sie perfekte Leistungen nachweisen können. Hier habe ich aber Glück gehabt und bei der OVB Vermögensberatung (Landesdirektion Butschkat) eine Praktikumsstelle gefunden. Der Bereich passt perfekt zu meinen Karriereaussichten und war eine nützliche Erfahrung für mich. Bei der OVB hatte ich eine Möglichkeit, einen Überblick vom ganzen Geschäft und von unterschiedlichen Abteilungen zu bekommen. Meine täglichen Aufgaben variierten von einer Forschung zum russischen Markt für erneuerbare Energien bis zur Erstellung einer Datenbank für die Immobilienabteilung. Die Firma führt Geschäfte in verschiedenen Ländern, einschließlich Russland, und besitzt ein internationales Team von hochqualifizierten Mitarbeitern, deshalb habe ich von Anfang an eine positive Einstellung der Kollegen wegen meiner Leistungen genossen und keine Diskriminierung erlebt. Leider bekam ich keine Vergütung, profitierte aber trotzdem von der anspruchsvollen Arbeit. 

Länderabend zum Thema Krise in Russland
Länderabend zum Thema Krise in Russland

Copernicus führte selbstverständlich viele interessante umfassende Maßnahmen für Vereinsmitglieder durch. Die größten davon waren der Länderabend und das Seminar in Lüneburg zusammen mit dem Hamburger Copernicus-Verein. Der Länderabend ist eine hervorragende Möglichkeit, ein Thema für interessierte Menschen zu präsentieren. Öffentliches Auftreten gehört zu den Fähigkeiten, die im Leben notwendig sind, deshalb ist der Länderabend eine gegenseitig vorteilhafte Veranstaltung für Copernicus und Stips. Mir persönlich hat es viel Spaß gemacht, vor Deutschen aufzutreten, die ein deutliches Interesse an meinem Heimatland haben. 

Das Seminar in Hamburg hat mich auch stark beeindruckt. Es war eine gute Kombination der Vorträge, Rollenspiel und freie Diskussion auf dem anspruchsvollen Niveau zum heißen Thema (Flüchtlingskrise). Alles war ausgezeichnet organisiert, die eingeladenen Experten haben tief genug über das Thema berichtet. Spannend war auch, Stipendiatinnen und Aktive aus Hamburg kennenzulernen. Es scheint mir ganz klar, dass man mindestens noch eine gemeinsame Veranstaltung (vielleicht nicht so offiziell und forschungsorientiert) im Laufe des Semesters machen und dadurch die Zusammenarbeit zwischen den beiden Vereinen vertiefen könnte. Wenn es natürlich finanziert werden kann.

Seminar in Lüneburg zum Thema Asylpolitik in Deutschland
Seminar in Lüneburg zum Thema Asylpolitik in Deutschland

Im Endeffekt hat das Copernicus-Programm sehr viel für mich gemacht. Ich bekam jederzeit Unterstützung sowohl vom Verein als auch von der Gastfamilie. Das Studium an der HU hat meine Kenntnisse sehr stark vertieft und mit europäischer Methodik des Unterrichts bekanntgemacht. Ich hatte nur Pech mit der Suche nach einem Tandemsprachpartner an der Uni. Ich empfehle den zukünftigen Stipendiaten, sich darum rechtzeitig zu kümmern. Das Praktikum hat mir einen Blick in die deutsche Geschäftsführung gegeben und eine nützliche Zeile im Lebenslauf geschaffen. Der Aufenthalt in Berlin hat für mich eine ganz neue Welt entdeckt. Für ein halbes Jahr habe ich mehr Menschen kennengelernt und mehr Kontakte geknüpft als für 2 Jahre in Moskau. Auch kulturell habe ich mich hier schnell weiterentwickelt und viele interessante Plätze besucht. Ich habe einen großen Schritt in meiner Kommunikationsfähigkeit in einer Fremdsprache gemacht. Nach meinem Aufenthalt in Berlin sehe ich auch die Welt breiter und die globalen Probleme der Menschheit lösbar. Infolgedessen nehme ich viele neue Kenntnisse, Erfahrungen, Emotionen und sogar ein Hobby mit zurück nach Hause. Also, ich möchte nochmal „Vielen Dank!“ an alle Menschen sagen, die mein sechsmonatiges Leben in Berlin nicht nur möglich, sondern auch spannend und fruchtbar gemacht haben.

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