Fluchthafen Tegel - ein Reisebericht

Der Autor versucht, sich dem studentischen „Rebelious Spirit“ anzupassen. StuRa, HU, Feb. 2016
Der Autor versucht, sich dem studentischen „Rebelious Spirit“ anzupassen. StuRa, HU, Feb. 2016

Abschlussbericht

Artem Shramko

Ukraine // Berlin

Copernicus-Stipendiat WS 2015/16

 

Beste 6 Monate in meinem Leben? Das weiß ich nicht, aber ich kann sicher sagen, dass ich sie nie vergessen werde.

Da sitze ich jetzt, am 14. März, die Uhr zeigt 21:57. Das bedeutet, dass ich noch (theoretisch) zwei Stunden habe, um meinen Bericht zu schreiben. Wahrscheinlich wundern sie sich jetzt: „Was hast du denn da die janze Zeit jemacht, wenn du doch so unpünktlich jeblieben bist?”. „Na ja, - würde ich mit Lächeln antworten, - zumindest ist diese Frist noch (wie es normalerweise bei mir ist) nicht vorbei. Das heißt, ich hab schon was hier gelernt!“ Aber lasst uns erst ein bisschen zurück in der Zeit wandern.

29. September, Tegel Flug(Flucht?)hafen. Ich stehe im Wartebereich und suche nach meinem Koffer, zu aufgeregt und von den neuen Abenteuern begeistert, um darauf aufmerksam aufzupassen. Facebook hat alle Romantik umgebracht. Früher sollte man sich nur vorstellen, wie diese Person aussieht, die man treffen soll. Mit einem Klick auf Gannas Profilbild weiß ich schon nach wem ich suchen soll. Lukas schützt aber die Romantik noch – er hat kein Profilbild hochgeladen.

Ich bin schon früher im Westen gewesen, deshalb waren solche Dinge, wie eine Straßenbahn ohne Eisenrost, die sogar rechtzeitig kommt, keine Überraschung für mich. Was mich aber wirklich überrascht hat, ist wie nett manche Leute in Deutschland sind, aber dazu kommen wir später. Meine ehemalige Erfahrung von Austauschstudium während der Schulzeit hat mir besonders während der ersten Woche geholfen. Geduld und Selbstständigkeit sind zwei Eigenschaften, die man braucht, um sich beim ersten Anlauf beim Bürgeramt anzumelden. Was ich komisch fand, ist, dass obwohl man überall einen Termin braucht, so dass es keine Schlange gibt, man doch überall warten soll.

An einem Tag habe ich alles Notwendiges gemacht, um mich zu immatrikulieren. Easy! Leider, mit dem Anfang des Studiums war es nicht mehr so „Easy“, weil das Deutsche Hochschulsystem eine große Herausforderung mit sich bringt – Wahlmöglichkeit. Ich brauchte ganze 3 Wochen, um einen festen Studienplan zu entwickeln. Ich sah damals wie ein Ossi aus, der zum ersten Mal in einen Supermarkt gelassen wird. Ich habe alles gewählt, dass mir vom Namen gefallen hat. Ich habe aber schnell gelernt, dass acht Kurse gleichzeitig zu machen nicht die beste Idee ist. Nach stundenlangen Überlegungen, Skype-Konferenzen mit meinem Hauptausbildungsberater (meiner Mama) und moralischen Schwierigkeiten mit der Tatsache, dass ich auf so viele Kenntnisse verzichten muss, hatte ich endlich meinen Stundenplan aufgestellt. Asset Management, Corporate Finance, Business Analytics and Data Science, Financial Accounting and Analysis, und, endlich etwas auf Deutsch – Internationales Finanzmanagement. Klingt gut, oder? Der einzige Nachteil war, dass ich am Dienstag fünf Vorlesungen hatte, das heißt zehn-Stunden-an-der-Uni-den-ganzen-Tag. Kriegt man eigentlich eine Medaille dafür? 

Der Autor Zeigt seine qualifizierte Meinung über Cultural Studies. Grimm-Zentrum, Nov. 2015
Der Autor Zeigt seine qualifizierte Meinung über Cultural Studies. Grimm-Zentrum, Nov. 2015

Ich dachte, dass ich das nie in meinem Leben sagen würde, aber Studium macht richtig Spaß! Früher habe ich die traditionelle Methode benutzt, die heißt: «от сессии до сессии живут студенты весело» (Von einer Prüfungsperiode bis zur nächsten läuft das Studentenleben froh). Diesmal war es ganz anders! Wenn meine Mutter fragte, was ich derzeit mache, habe ich „lernen“ geantwortet, und meinte das (überraschend) ernst! Ich finde das deutsche Hochschulsystem sehr liberal und Studentenfreundlich. Man darf selbst einen individuellen Studienplan entwickeln, es gibt keine Anwesenheits-kontrolle und kaum Hausaufgaben. Das Ergebnis hängt nur von deiner Verantwortung und deinem Fleiß ab. Ich habe den ganzen Januar und Februar gelernt und habe fast nie gebummelt, acht bis zwölf Stunden Prüfungsvorbereitung täglich. Hab aber alles ziemlich gut bestanden.

Mein größter Fehler war, dass ich mich am Anfang mit Erasmus-Studenten angefreundet habe. Na klar, das war halt der einfachste Weg Freunde an der Uni zu finden. Aber was kann man über das Leben in Deutschland auf Englisch lernen? Ich muss aber bestätigen, manche Partys waren richtig gut, aber da sollte man die richtige Balance zwischen dem Studium und Erasmus-Partys finden. Die Klausuren waren extrem anstrengend, hauptsächlich wegen des Zeitdrucks. In 60 Minuten kann man alles nur in dem Fall schaffen, wenn man sich gut vorbereitet hat und keine Extra-Zeit braucht um während der Prüfung an irgendwelchen Aufgaben zu meditieren. So ist Deutschland, alles gut und zeitlich durchgeplant.

Falls Sie schon den Eindruck bekommen haben, dass ich ein richtiger Nerd bin – lassen sie sich nicht täuschen! Feiern in Berlin hat viele Gesichter. Ick bin ja keen Berliner, weil ich am Samstag früher als vier Uhr morgens nach Hause komme. Ich kann aber feststellen, dass das so genannte Nightlife eine wichtige Rolle beim Lernen der deutschen Sprache und Kultur spielt. Berlin ist die größte Technostadt der Welt und zieht Musiktouristen aus verschiedenen Ländern an. Dank meiner Kommunikationsfähigkeit und ziemlich großer Freundeskreise war ich in ein paar Monaten der Beste im Jugend- und Umgangsspracheunterricht an der Sprachschule. Bei anderen Themen war ich leider sonst lange nicht der Beste.

Der Autor und seine beste Freundin Madita. (Der Autor hasst Mützen) Okt. 2015
Der Autor und seine beste Freundin Madita. (Der Autor hasst Mützen) Okt. 2015

Ich bin meiner Gastfamilie wahnsinnig dankbar, die mich zu einem Teil ihrer Familie gemacht hat. Außer lustigen Erinnerungen, die wir zusammen in diesen sechs Monaten erlebt haben, möchte ich hier erwähnen, dass Herr und Frau von Wrede mich sehr viel über deutsches Leben gelehrt haben. Was ich bemerkt habe, ist, obwohl Deutschland wie die USA individualistisch ist, ist das Familienmodel dem ukrainischen viel näher. Im Unterschied zu den Vereinigten Staaten, bleiben hier Kinder und Eltern im näheren Kontakt und schätzen alle Möglichkeiten sich zum Feiern wieder zu versammeln sehr hoch. Als Folge habe ich das lustigste Weihnachten mit circa 15 Leuten in einem Haus überlebt. Dank meiner Deutschlehrerin an der Sprachschule, Frau Thyrolf, die netterweise Karten besorgt hatte, haben wir ein Theaterstück von Berthold Brecht, „Furcht und Elend des Drittes Reiches“ im Berliner Ensemble, besucht. Leider habe ich außer dem Namen kaum etwas verstanden. Ich hatte auch die Ehre zur Taufe des Enkelkindes eingeladen zu sein. Trotz der Ähnlichkeiten in Ideologie und Grundlegendem bei den Religionen gibt es große Unterschiede in Ritualen und anderen Veranstaltungen in der Kirche. Zum Beispiel, man SITZT in der katholischen und protestantischen Kirche, was die Unterhaltung mit dem Gott bequemer und entspannter macht. Ich muss auch meine Komplimente zu Kochfähigkeiten von Frau von Wrede äußern. Ich hatte eine besondere Chance, viele traditionelle deutsche Gerichte zu genießen. 

Es ist immer eine gute Idee, eine rote Jacke auf dem Gruppenbild zu tragen. Ostsee, Okt. 2015
Es ist immer eine gute Idee, eine rote Jacke auf dem Gruppenbild zu tragen. Ostsee, Okt. 2015

Trotz meiner großen Liebe zu Berlin, war ich von Copernicus verpflichtet, es manchmal zu verlassen. Reisen macht Spaß! Besonders im Zug, besonders mit den Freunden, besonders in Deutschland.

Mein erster Ausflug war nach Lübeck, der kalten Salzstadt in Norddeutschland. Raten sie mal, mit wem? Richtig – Erasmusstudenten! Das war aber eine richtig gute Zeit! Mit einer interessanten historischen Führung durch die Stadt und einem Besuch an der Ostsee sind nur positive Erinnerungen über die erste Reise in diesem Semester verbunden.

Meine zweite Reise nach Lüneburg fand wegen (oder Dank?) Copernicus statt. Ich möchte diese Möglichkeit nutzen um mich bei allen Aktiven für ein wirklich spannendes und informatives Seminar zu bedanken. In einer Arbeitsgruppe von fast zwanzig Leuten haben wir uns mit dem Thema „Flüchtlingspolitik und Asylrecht in Deutschland“ beschäftigt. Im Ernst, diese zwei Tage haben meine Meinung über das Thema total verändert. Eine wichtige Regel, die wir manchmal vergessen: bevor wir jemanden beurteilen, sollen wir uns an seinen Platz stellen. Flüchtlinge, die in Flüchtlingsheimen Monate lang einfach warten sollen, brauchen unsere Hilfe mit sozialer Integration. Deshalb haben meine Freunde und ich angefangen, mit Kindern aus dem Flüchtlingsheim an der Frankfurter Allee jeden Samstag Fußball zu spielen. Glauben sie mir, man braucht keine Deutsch- oder Englischkenntnisse um zusammen eine lustige Zeit zu verbringen.

Außerdem war ich noch in Potsdam und Hamburg. Ich muss auch erwähnen, dass der Vorstandvorsitzende von Copernicus Hamburg, Rüdiger, den ich bisher nie getroffen habe, mir netterweise ein Zimmer für ein Wochenende gegeben und die Stadt gezeigt hat. Copernicus ist eine große Familie.

Foto von allen Deutschen, die nach dem Länderabend des Autors  die ukrainische Bürgerschaft annehmen möchten. MitOst e.V., Nov. 2015
Foto von allen Deutschen, die nach dem Länderabend des Autors die ukrainische Bürgerschaft annehmen möchten. MitOst e.V., Nov. 2015

Aber was mich am meisten beeindruckt hat, ist wie viel Mühe und Geduld die Aktiven mit uns gehabt haben. Ich bin allen Aktiven sehr dankbar, die ihre Zeit mit uns verbringen und uns eine Chance geben, dieses Leben von der anderen Seite zu entdecken. Copernicus hat für uns viele verschiedene Veranstaltungen wie Grüne Woche, Bundestag-Ausflug, Dokumental-Film-Woche, Potsdam-Ausflug, private Brauerei und viel andreres organisiert. Ich möchte auch sehr meinen Mentorinnen Sabrina und Elisa für Ihre Hilfsbereitschaft, Unterstützung und Geduld mit mir danken. Wegen Ihnen war ich immer sicher, dass, falls ich etwas falsch machen wollte, sie das nie zulassen würden.

Ich hatte Glück ein Praktikum beim betahaus|Coworking-Space, einem der größten Startup-Ökosysteme in Berlin zu bekommen. Ich bin für die Erstellung einer Startup-Datenbank und von Werbetexten für die betahaus|Webseite verantwortlich. Es ist mir gelungen hier schnell freundliche Kontakte aufzubauen und jetzt genieße ich die letzen paar Wochen von meinem Praktikum und bereite mich schon auf die Prüfungen an der Heimatuniversität in der Ukraine vor.

Kleiner Hinweis für zukünftige Stips: plant bitte eure Länderabende und sucht nach einem Praktikumsplatz SOFORT! Viel Spaß in Berlin ;) 

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