Abschlussbericht Kseniia (Kirgistan)

Ein erfahrungsreiches halbes Jahr.

 

Als eine Dozentin an meiner Uni das „Copernicus-Stipendium“ einmal erwähnt hatte, dachte ich „das ist wahrscheinlich nichts für mich“. Ich hatte sofort an den berühmten polnischen Astronomen und Mathematiker gedacht, und mir dieses Stipendium als Förderung technischer Fächer vorgestellt. Aber ich hatte trotzdem ein Gefühl, dass ich darüber mehr erfahren möchte.

  

Ich hatte ein Jahr gebraucht, um alle notwendigen Voraussetzungen (Deutsch B2, Motivationsbrief, Bewerbungsunterlagen, Gastelternbrief, Internetrecherchen für künftiges Praktikum) für meine Bewerbung zu erfüllen. Ich wusste bis eine Woche vorher nicht, ob meinem Visaantrag bewilligt wird, deshalb war ich im Flugzeug zufrieden und zugleich aufgeregt.

 

Im Flughafengebäude am 3. April habe ich meine Gasteltern mit dem Hund Raudi und meine Mentorin von Copernicus e.V. getroffen. Ich fühlte mich so wohl, als ob ich diese, damals noch fremde, Menschen schon lange kenne. Christina, meine Mentorin, hatte mir ein paar Tipps und Fahrkarten für die nächsten Tage gegeben.

 

Das, was ich am ersten Tag komisch fand, war das Abendessen, oder wie man es hier nennt, das Abendbrot. Es gab kein warmes Essen, nur einen Salat und das körnige Brot. Für mich war das außergewöhnlich, weil wir in Kirgisistan abends die Hauptmahlzeit einnehmen, so wie die Deutschen ihr Mittagessen. An die Umstellung habe ich mich schnell gewöhnt.

 

Am 4. April musste ich mich an der Humboldt Universität immatrikulieren, dafür brauchte ich eine Krankenversicherung und eine Meldebestätigung. Mit Hilfe meiner Gastmutter habe ich morgens früh die Meldebestätigung bekommen. Es war viel leichter, da ich in Mahlow (Brandenburg) wohnte und nicht in Berlin. So wurde alles erfolgreich an einem Tag geschafft.

 

Nächster Schritt des Aufenthaltes war die Gestaltung meines Stundenplanes. Oh, dafür habe ich mehr als 2 Wochen gebraucht. An meiner Heimatuni in Bischkek bekommen wir unseren Stundenplan am ersten Tag des Semesters. Hier aber begann das Studium erst ab dem 18. April und die ersten zwei Wochen konnte man alle möglichen Vorlesungen und Seminare besuchen und seinen Stundenplan selbst gestalten, was ich natürlich gern gemacht habe. Während dieser Zeit habe ich verstanden, dass ich mehr als drei Module nicht schaffen kann, ohne mich zu verausgaben. Klingt sehr wenig, besonders wenn ich daran denke, dass ich an der Heimatuni 10 Fächer in einem Semester ablege, aber es klingt nur so. Jedes Modul hat eine Vorlesung und einige Seminare und manchmal auch ein Tutorium, was ich besonders interessant fand. Das Tutorium ist von Studenten für Studenten in einem Fach organisiert. Man konnte da alle möglichen Frage stellen, Übungen machen und in Gruppen arbeiten. Das war sehr produktiv. Die Seminare waren auch ganz anders, als bei uns. Was in der Vorlesung an meiner Heimatuni erzählt wurde, wurde im Seminar besprochen. Hier ist es normal, wenn eine Vorlesung zur einem Thema ist und ein Seminar zu einem ganz anderen, aber beide gehen in die gleiche Richtung. Außerdem müssen die Studenten die Seminare selbst vorbereiten. Am ersten Seminartag konnte jeder ein Thema auswählen, zu dem er/sie ein Vortrag halten wird. Das Basismaterial haben alle zu jedem Seminar elektronisch bekommen. Dann versuchte jeder sein gewähltes Thema in seinem Vortrag zu präsentieren und verständlich zu machen. Der Dozent und die Kommilitonen hörten zu und, wenn es nötig war, half der Dozent dabei, Korrekturen vorzunehmen. Ich habe ein paar solcher Vorträge gehalten, was mir viel Erfahrung einbrachte.

 

Da es an der Humboldtuni keine festen Studiengruppen gibt, studiert jeder für sich allein. In der Pausenzeit entstanden einige Gespräche und dadurch, dass eine Pause 30 Minuten dauert, habe ich einige gute Bekannte gefunden. In Bischkek bin ich es gewöhnt, täglich mit den gleichen Menschen alle Veranstaltungen an der Uni zu besuchen. Eine Pause dauert bei uns nur 10 Minuten, aber dafür sind alle Veranstaltungen in einem Gebäude.

 

Jeden zweiten Mittwoch hatten wir ein Plenum mit den Copernicanern. Dadurch habe ich alle Aktiven gesehen und einige kenngelernt, und die Arbeit des Vereins gespürt. Wir, die Stips, konnten auch für den Verein und unser Zusammenwachsen etwas beisteuern. Das Wichtigste dabei war unser Länderabend. Das Thema habe ich mir am zweiten Tag bei einer Unterhaltung mit meiner Gastmutter ausgedacht. Meine Gastmutter hat mir geholfen zu verstehen, was hier die Menschen interessiert und wie stark das Denken und die Gewohnheiten und Bräuche der Deutschen und der Asiaten sich voneinander unterscheiden. Ich konnte natürlich nicht alles in 45 Minuten meines Länderabends erzählen, deshalb habe ich beschlossen, über das Leben der kirgisischen Frauen im Laufe der letzten 3 Jahrhunderte zu berichten.

 

Im Juni hatten wir zusammen mit Stipendiaten aus Hamburg ein Seminar zum Thema Feminismus und Sexismus. Drei Tage lang haben wir über das Thema diskutiert, das in Kirgisistan „tabuisiert“ ist. Erst in Deutschland habe ich echt verstanden, was das Wort „Demokratie“ eigentlich bedeutet. Es war für mich wirklich schwierig, frei so etwas zu besprechen. Jetzt aber, wenn ich zurückkehre, werde ich versuchen Schritt für Schritt mit anderen Menschen in meinem Land über viele Sachen frei zu sprechen, über die man sonst schweigt.

 

Der letzte Monat des Studiums und die Prüfungszeit waren echt anstrengend. Ich habe viel Zeit im Grimm-Zentrum verbracht, die riesige Bibliothek, in der es fast immer keine freien Plätze gibt. Die Unterstützung meiner Gastfamilie fühlte ich jeden Tag.

 

Diese Menschen sind für mich wie zweite Eltern und beste Freunde geworden. Jetzt weiß ich viel mehr über die deutschen Essgewohnheiten, Traditionen, Feste. Die beiden sprechen Berlinisch. Zuerst sprachen sie mit mir immer Hochdeutsch, aber zwischen einander berlinisch. Jetzt verstehe ich den Dialekt auch gut.

 

Meine Gastfamilie war und ist immer hilfsbereit und teilnahmsvoll. Wenn sie merkten, dass ich ihre Hilfe brauchte, oder ich missgelaunt, oder einfach müde war, oder Heimweh hatte, waren sie immer hilfreich. Dafür bin ich sehr dankbar. Zusammen haben wir sehr oft etwas Schönes und Kulturelles gemacht. Wir haben die Zeit genossen. Wir waren im Kino, Theater, Konzert oder machten einfach Fahrradtouren. Manchmal reichte es einfach, zu sprechen. Einfach über alles. Ich konnte etwas zurückgeben, in dem ich über meine Heimat erzählte und mich gut in den Alltag der Gastfamilie integrierte. Das Wichtige für mich war ihre Zeit, die sie mir geschenkt haben. Das vergesse ich nie.

 

In der Ferienzeit hat meine Gastfamilie für mich und Eugenia, eine Stipendiatin aus der Ukraine, einen Urlaub organisiert. Drei Tage an der Ost- und Nordsee, die wir zusammen verbracht haben, gehören zu meinen besten Erinnerungen. Außerdem haben wir einige Städte besichtigt und eine Schiffsfahrt in Lübeck gemacht. Dafür bin ich auch sehr dankbar.

 

Dann begann mein Praktikum. Obwohl ich ab dem ersten Tag nach einen Praktikumsplatz gesucht hatte, war es sehr kompliziert in meiner Richtung, als Übersetzerin, einen Praktikumsplatz für 6-8 Wochen zu finden. Die meisten Unternehmen oder Büros nehmen Praktikanten für mehr als drei Monate, ansonsten lohnt es sich für den Arbeitgeber nicht. Da ich während des Semesters einige Male im Hospiz, wo meine Gastmutter arbeitet, ehrenamtlich war, beschloss ich dort mein Praktikum zu machen. Ich finde es gut, etwas Sinnvolles für die todkranken Menschen machen zu können. Dort habe ich das Leben von einer ganz anderen Perspektive betrachtet. Ich schätzte die Zeit, die ich dort verbrachte. Ich versuchte immer etwas für das Wohlfühlen dieser Menschen zu machen. Und sie haben auch meine Seele bereichert. Durch Gespräche habe ich nicht nur mein Deutsch verbessert, sondern so viel Erfahrung, neue Blicke aufs Leben, andere Gedanken zur Überlegung bekommen. Die Zeit war wertvoll.

 

 

Was ich noch dem Copernicus Verein, bzw. dem Copernicus Team, sagen möchte, ist „Vielen Dank“. Sie haben mir eine Chance gegeben, die in meinem ganzen Leben eine Spur hinterlassen wird. Immer wieder werde ich mich an Euch alle erinnern. Ich wünsche Euch, den Verein weiterzuentwickeln, weiter mit von Euch geförderten Stipendiaten zusammenzuwachsen und alle Schwierigkeiten und Hindernisse zusammen leicht zu bestehen. Wir sehen uns bestimmt wieder!

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