ABSCHLUSSBERICHT KSENIIA SABANOVA (RUSSLAND)

Zu den Harry-Potter-Fans gehörte ich nie und konnte nie verstehen, wie man sich über ein Blatt Papier freuen kann. Aber mehrere Jahre später habe ich selbst zwei Monate auf einen Brief aus Hogwarts gewartet.

Während dieser Wartezeit habe ich mir häufig vorgestellt, wie hoch ich springen und wie laut ich schreien werde, wenn ich endlich meinen Brief von Copernicus bekomme. In der Tat war alles aber ganz anders. Am 15. November war ich im Außenministerium, wo ich damals mein Praktikum gemacht habe. Ich habe gerade meinem Kollegen erzählt, dass ich ein Semester in Deutschland studieren möchte, als ich eine neue E-Mail gesehen habe. Das erste Wort im Betreff war „Zusage“. Ganz ruhig habe ich die E-Mail durchgelesen und auch so ruhig habe ich meinem Kollegen gesagt, dass ich nach Deutschland fahre. Ich glaube, ich war die ganze Zeit so aufgeregt, dass ich am Ende schon keine Kraft mehr hatte, mich aufs kommende Semester in Hamburg zu freuen, und konnte mir nur ganz grob vorstellen, was mich bald erwartet.

 

Es war immer mein Traum, ein Semester in Deutschland zu studieren. Es hat allerdings jedes Mal nicht geklappt. Aber wer weiß, wozu es gut ist. Ich kann mich immer noch sehr gut daran erinnern, wie entmutigt ich war, als ich erfahren habe, dass die Freie Universität, wo ich einen Studienplatz bekommen habe, keine Stipendien für Studenten aus meiner Heimatuni gibt. Das war ungefähr wie ein Weltuntergang für mich. Aber! Alles ist so, wie es sein soll. Während des letzten Halbjahres habe mich jeden Tag über diese Entscheidung von der FU-Verwaltung gefreut (und werde wahrscheinlich mein ganzes Leben lang freuen), denn Copernicus-Semester kann man mit anderen Austauschprogrammen für Studierenden überhaupt nicht vergleichen.

 

Als ich vom Copernicus-Stipendium erfahren habe, hatte ich von Anfang an ein Gefühl, dass dieses Stipendium genau für mich ist. Allerdings habe ich die Hände nicht in den Schoß gelegt und habe weiter aktiv gelebt und habe mich viel ehrenamtlich engagiert, um überzeugen zu können, dass ich dieses Stipendium verdient habe. Später bei der Suche nach einem Praktikumsplatz war es von Vorteil. Mein Praktikum habe ich bei Hamburg Aviation gemacht. Das ist das beste Praktikum, von dem ich nur träumen konnte. Ich habe mich jeden Morgen gefreut, wieder zur Arbeit zu gehen. Klingt komisch? Ich weiß, aber es ist wirklich so. Es war für mich überhaupt kein Problem, um 4:30 aufzustehen, um freiwillig auf eine Dienstreise nach Braunschweig zu fahren. Die nettesten Kolleginnen und Kollegen, das Büro mit dem Blick auf die Michaeliskirche und auf die Elbphilarmonie, interessante Aufgaben (ich habe nie Kaffee gekocht oder Dokumente sortiert, zur Post bin ich auch keinmal gegangen) – was kann man sich noch für 2,5 monatiges Praktikum wünschen? Nur eins – dass diese Zeit nicht so kurz wäre.

 

Ich hätte vielleicht meinen Bericht anders beginnen sollen und zwar mit dem Studium an der Uni. Als ich noch in Sankt Petersburg war, hatte ich vor, weniger Kurse zu machen und mehr Freizeit zu haben. Haha, als ob ich mich selbst nicht kannte. Ich hatte wirklich Qual der Wahl. Ich wollte alles studieren, am besten noch 4 Fremdsprachen dazu und noch ein paar Kurse von der Fakultät für Rechtswissenschaften. Im Endeffekt habe ich 12 Kurse gewählt und habe niemals meine Entscheidung bereut, obwohl alle mir gesagt haben, dass ich verrückt bin (wenn jemand nicht gesagt hat, dann hat er wahrscheinlich mindestens gedacht). Natürlich war es nicht einfach, sich regelmäßig auf jeden Kurs vorzubereiten und am Ende noch jeden Tag Klausuren zu schreiben oder Referate zu halten, aber es war ein guter 4-monatiger Intensivkurs in Zeitmanagement. Ich habe am ersten Tag gesagt: „Ich schaffe das“ und im Gegensatz zu Frau Merkel habe ich das wirklich geschafft. Jetzt kann ich sagen: es hat sich wirklich gelohnt! Besonders viel Spaß haben mir meine Sprachkurse gemacht. Zukünftigen StipendiatInnen kann ich sie nur empfehlen! Was ich noch empfehlen kann, ist Sport. An der Uni Hamburg kann man jede mögliche Sportart ausprobieren. Salsa, Boxen, Yoga, Ballett, alle mögliche Arten von Fitness – es gibt ALLES! Das ist die beste Möglichkeit, neue Freunde und vielleicht ein neues Hobby zu finden.

 

„Das Leben ist zu kurz, deshalb ist es immer zu schade, die Zeit für unwichtige Sachen zu verschwenden“ habe ich meiner Bewerbung für das Stipendium geschrieben. Ein halbes Jahr später kann ich schon sagen: 6 Monate in Deutschland – das ist ziemlich lange Zeit, die aber unglaublich schnell vergeht. Deswegen ist es sehr schade, nur zu Hause zu sitzen. So jung wie heute wird man nie wieder sein. Und es wird nie genug Zeit, es wird immer etwas stören. Deswegen ist es genau jetzt die Zeit, etwas Neues auszuprobieren, man soll davor keine Angst haben. Hätte ich irgendwann gedacht, dass ich Niederländisch lernen, viele Orte in Deutschland  bereise, Handball spiele und wieder zum Taekwondo zurückkehren werde? Nein. Hätte ich irgendwann gedacht, dass ich mit dem Studium Politikwissenschaft mein Praktikum im Luftfahrtenbereich machen und da nebenbei noch Grundlagen des Grafikdesigns lernen werde? Nie in meinem Leben wäre ich auf so eine Idee gekommen. Jeder Tag in Deutschland war ein Abenteuer und damit auch eine neue Erfahrung oder ein neues Wissen, die mein Leben bereichert und eindrucksvoller gemacht haben. Sagt immer „Ja“! Es wird verrückt, anstrengend, aber immer spannend, nur dadurch kann man sich weiter entwickeln und ausbilden.  

 

 

Die Zeit in Hamburg war unvergesslich schön. Jeden Tag hatte ich das Gefühl, dass ich zur richtigen Zeit, mit den richtigen Personen, am richtigen Ort war. Ich habe oft gehört, dass ein Auslandssemester das Leben verändert. Copernicus-Stipendium hat mein Leben nicht verändert. Es hat mich verändert. 6 Monate in Hamburg sind für mich bis jetzt die wichtigste Lebenserfahrung, ich habe so vieles gemacht, woran ich nie gedacht habe und vielleicht auch nie gemacht hätte. Ich habe angefangen, eine neue Fremdsprache zu lernen, und meinen Traum verwirklicht, Handball zu spielen und wieder zum Taekwondo zurückzukehren. Ich bin mindestens achtmal quer durch Deutschland gefahren. Mein Deutsch hat sich vielleicht auch verbessert. Auf jeden Fall habe ich jetzt überhaupt keine Angst, Deutsch zu sprechen. Vor den Botschaftern und anderen wichtigen Gästen im Rathaus oder vor dem Juri während des Finales der Deutscholympiade, im Seminar oder im Vorstellungsgespräch – egal, wenn Deutsch so viel Spaß machtJ

 

Dank Copernicus habe ich so viele nette Menschen kennen gelernt, ohne die ich das alles nicht geschafft hätte. Ich möchte mich auch hier bei ihnen bedanken: Nasti, Nana, Rüdiger und die anderen Aktiven, die vor allem am Anfang mit allen schrecklichen bürokratischen Sachen geholfen haben. Meine Gastmutter Frau Jacobi, die sich um mich immer gekümmert hat. Meine lieben Yuliia und Kristina, mit denen wir so viel gelacht haben, dass es schon wehgetan hat.

 

Und zu guter Letzt das wichtigste, was ich während dieser schönen Zeit in Hamburg verstanden habe. Das ist ein Glauben, nein, die feste Überzeugung, dass alles möglich ist, weil alles in unseren Händen liegt. Wenn man etwas ganz fest will, dann wird das Universum darauf hinwirken, dass man es erreichen kann! Denkt daran, habt keine Angst und wir sehen uns beim 50. Copernicus-Jubiläum! 

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