Wochenendseminar in Berlin

"Meilensteine der Demokratisierung in Berlin und Osteuropa"

Das Wochenendseminar, das jedes Semester von Copernicus durchgeführt wird, und bei dem sich die Berliner und Hamburger für ein Wochenende treffen, stand dieses Mal im Zeichen des Jubiläums von drei wichtigen Ereignissen der Berliner Geschichte: die Märzrevolution 1848, die Revolution von 1918 und die Studentenproteste von 1968 feiern im Jahr 2018 ihre Jubiläen in Berlin.

Diese drei Ereignisse waren die Ausgangspunkte unseres Seminarthemas: Meilensteine der Demokratisierung. Dabei standen drei Fragen im Zentrum:

 

Wie haben die Ereignisse von 1848, 1918 und 1968 zur Demokratisierung Deutschlands beigetragen?

 

Wie wird heute mit den historischen Schauplätzen in Berlin umgegangen?

 

Was sind die Meilensteine in der Geschichte der Herkunftsländer unserer StipendiatInnen?

 

1848, 1918 und 1968

 

Was wir über die historischen Ereignisse beim Wochenendseminar gelernt haben, muss hier nur kurz zusammengefasst werden: die Märzrevolution von 1848 wollte mehr demokratische Rechte innerhalb des monarchischen Systems, aber nach deren Scheitern hat sich die absolute Monarchie verstärkt. Der Ausgangspunkt der Revolution von 1918 war die Meuterei der Matrosen in Kiel, die den ersten Weltkrieg beendete. Daraufhin befand sich Deutschland in einem Vakuum – ohne den abgedankten Kaiser, aber auch ohne eine neue Regierungsform. Die Studentenproteste von 1968 forderten schließlich ein Aufbrechen verkrusteter Strukturen.

 

 

 

Wie geht eine Stadt mit historischen Schauplätzen um?

 

Um dieser Frage nachzugehen besuchten wir am Freitag zuerst das Berliner Schloss – oder besser gesagt die Humboldt Box vor der Schloss-Baustelle. Das Schloss war ein wichtiger Schauplatz von zwei Revolutionen: 1848 starteten die gewalttätigen Proteste, als sich in der Menschenmenge vor dem Schloss ein Schuss löste, 1918 rief Karl Liebknecht vom hier aus die Räterepublik aus. Nachdem das Schloss im zweiten Weltkrieg zum Teil zerstört wurde, ließ die DDR-Führung es bald sprengen. Da es jetzt aber wieder aufgebaut wird, erhofften wir uns bei einer Führung Informationen darüber zu erhalten, wie im neuen Schloss an diese Ereignisse erinnert werden soll; doch zumindest von Seiten der Bauherren ist ein solches Gedenken nicht angedacht und man möchte lieber einen Ort schaffen, der optisch zwar dem damaligen Bau gleicht, aber nicht an die Ereignisse, die dort stattgefunden haben, erinnern soll. Ob sich diese Wünsche am Ende durchsetzen, wird sich wohl erst nach der Fertigstellung zeigen.

 

Am Nachmittag fuhren wir zu einem Workshop zum Friedhof der Märzgefallenen in Friedrichshain. Auf diesem Friedhof sind nicht nur die Getöteten der Revolution von 1848 bestattet, sondern auch von 1918. Wir lernten vieles über die Geschichte des Friedhofes und rekonstruierten in einem Rollenspiel die Ereignisse einiger der hier Begrabenen von 1918. Am Ende des Workshops sprachen wir auch darüber, dass Denkmalpflege auch immer ein politischer Akt ist: die Entscheidung, welche Schauplatze heutzutage zu Gedenkstätten werden, wie die Ereignisse rückblickend dargestellt werden und vor allem, wer hier wem gedenkt, zeigen heutzutage, wie Geschichte für politische Zwecke instrumentalisiert wird.

 

Unsere dritte Station führte uns nach Charlottenburg. Hier besuchten wir das Denkmal für die Proteste gegen den Besuch des Shahs von Persien vor der Deutschen Oper, den Ort der Ermordung von Benno Ohnesorg, sowohl die Gedenktafel für das Attentat auf Rudi Dutschke.

 

Am Samstag rekapitulierten wir noch einmal die Informationen vom Freitag und versuchten, aus den verschiedenen Schauplätzen zu abstrahieren, auf welch unterschiedliche Weise man heutzutage mit historischen Ereignissen und Schauplätzen umgehen kann: Museen, Gedenkstätten, Straßennamen und Feiertage sind nur ein kleiner Ausschnitt aus allem, was wir zusammengetragen haben.

 

Meilensteine in Osteuropa (und Nordafrika)

 

Der zweite Teil des Seminars fokussierte sich auf die Frage, was aus Sicht der StipendiatInnen Meilensteine in der Geschichte ihrer Heimatländer waren. Zusammen mit den Aktiven erstellten sie Plakaten, auf denen sie diese Meilensteine darstellten.

 

Russland

 

Russland war über einen langen Zeitraum hinweg Teil unterschiedlicher Großreiche: Auf das Zarenreich folgte im 20. Jahrhundert die Sowjetunion: Somit erlebte Russland nach langer Zeit der Monarchie eine kommunistische Regierung. Der Wandel von der Sowjetunion hin zur Russischen Föderation prägten drei Präsidenten: Gorbatschow mit Perestroika und Glasnost, Jelzin als erster Präsident der Föderation und Putin, der das Land vor allem wirtschaftlich stabilisieren konnte.

 

 

Belarus

 

Während Belarus für viele Jahrhunderte ein Teil des Großherzogtums Litauen bzw. des Staates Polen-Litauen war, gab es bereits demokratische Ansätze im Land. So schlossen sich die reichsten und mächtigsten Bürger zu einem Rat zusammen, der Beschlüsse einstimmig verfasste. Zwar hatte dieser Rat demokratische Grundzüge, allerdings wurden viele Stimmen gekauft und Korruption und Bestechung waren vorherrschend. In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war Belarus Teil der Sowjetunion und wurde 1991 wieder eigenständig und hat seit nunmehr 13 Jahren den gleichen Präsidenten, der seine Position auch durch Volksentscheide zu seinen Gunsten verfestigt.

Kasachstan

 

Die Menschen in Kasachstan waren die längste Zeit  der Geschichte Nomaden. Unter Führung des Sowjet-Regimes wurden sie zur Sesshaftigkeit gezwungen und die Besitztümer wurden zwangskollektiviert, was in dem Land eine große Krise ausgelöst hat. Während der Sowjetzeit wurden viele Querdenker aus der Sowjetunion nach Kasachstan deportiert; darunter waren Forscher, Schriftsteller, Professoren und Richter. Für fast 60% der nach Kasachstan verschickten Personen lautete der Vorwurf: Vaterlandsverrat. Das Land wurde 1991 unabhängig und hat noch heute eine kuriose Besonderheit aufzuweisen: Alle Staatsangehörige von Kasachstan haben in ihrem Pass nicht nur die Nationalität vermerkt, sondern auch ihre ethnische Gruppenzugehörigkeit.

 

Tadschikistan

 

Das Land, das in Deutschland weitgehend unbekannt ist, liegt in Zentralasien und grenzt an Usbekistan, China, Afghanistan und Kirgisistan. Die meisten Tadschiken sind Muslime, viele im Land sprechen Russisch. Das erklärt sich dadurch, dass Tadschikistan in seiner Geschichte lange Zeit unter russischem Einfluss gestanden hat, nicht zuletzt als Mitglieder der Sowjetunion. Im Jahr 1991 wurde Tadschikistan unabhängig. Der Tag der Unabhängigkeit ist heute noch Nationalfeiertag im Land. Der anschließende Bürgerkrieg zwischen islamischen Gruppen und Unterstützern des heutigen Präsidenten dauerte bis 1997 an. Seit dem Ende des Krieges genießt das Land Frieden und Stabilität und kann sich wirtschaftlich immer weiter entwickeln

 

Ägypten

 

Bei der Vorstellung Ägyptens waren vor allem die jüngsten Ereignisse rund um den arabischen Frühling interessant. Doch um diese zu verstehen, muss man zurückblicken auf die Zeit, in der Mubarak in Ägypten regiert hat. Zwar waren damals kaum demokratische Rechte garantiert, dafür war der Einfluss der Religionen auf die Politik in Ägypten gering und das Land lebte relativ friedlich. Dadurch konnte sich in Ägypten der Tourismus als große Einnahmequelle entwickeln. Durch die erste Revolution im arabischen Frühling wurde Mubarak abgesetzt und die Hoffnung auf mehr Demokratie war groß. Allerdings schoben sich die Muslim-Brüder in das entstandene Machtvakuum und islamistische Ideologien breiteten sich aus. Dies beunruhigte nicht nur die Ägypter, die einer anderen Glaubensrichtung angehörten, sondern auch die Touristen, die im Zuge der Revolution ausblieben. Die zweite Revolution – maßgeblich vom Militär geleitet – war also eine Reaktion auf den sich ausbreitenden Islamismus im Lande und wurde auch von viele ägyptischen Christen unterstützt, denen die Herrschaft der Muslim Brüder Sorgen bereitet hatte. Unter dem neuen Präsidenten Sisi gibt es zwar einige demokratische Verbesserungen, im Grunde aber sind die Ägypter zurückgekehrt zu einer Regierung wie der unter Mubarak. Dafür ist das Land wieder ruhiger und die Touristen kehren zurück – für viele Ägypter ist das für ihr tägliches Leben das wichtigste.

 

Trotz der intensiven Arbeit und der spannenden Diskussionen kam der Spaß am Wochenende nicht zu kurz: Bei Gemeinschaftsspielen konnten sich alle besser kennenlernen und der Wannsee bot eine erfrischende Abkühlung. Abends zeigten die Berliner den Gästen aus Hamburg den Strand Mitte am Monbijoupark.

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0