Abschlussbericht Vitali

Jetzt sind fast 6 Monate seit meiner Ankunft in Berlin vergangen. Bewerbung um das Stipendium, um einen Studienplatz an der Uni, die Tränen in den Augen meiner Mutter bei der Verabschiedung, das Studium an der Humboldt Universität, unglaublich viele neue Kontakte, mein Länderabend, das Praktikum im Büro von einem Landtagsabgeordneten: das alles habe ich jetzt hinter mir.

 

Mein Name ist Vitali Halaviy, ich komme aus Belarus und bin der Stipendiat von Copernicus e.V im Sommersemester 2018.

Meine Geschichte hat aber nicht vor 6 Monaten angefangen, sondern vor 3 Jahren. Da habe ich mich zum ersten Mal um das Copernicus Stipendium beworben, habe aber keine positive Antwort bekommen. Danach habe ich aber nicht aufgegeben, sondern immer wieder meine Bewerbung zugeschickt, jedes Semester. Und jedes Semester habe ich neue Fehler in der Bewerbung entdeckt. Manchmal dachte ich mir: „ Wie konnte ich so was schreieben? Das klingt ja mega doof“. Und so habe ich Schritt für Schritt meine Bewerbung verbessert und wurde im letzten Herbst zum Skype Interview eingeladen. So wurde ich Stipendiat in Berlin. Ich finde das jetzt sehr gut, dass ich früher nicht ausgewählt wurde, weil ich damals nicht „reif“ genug dafür war, ich hätte das einfach nicht geschafft, weil das Studium und das Leben in einem anderen Land auf deiner Fremdsprache ist schon eine große Herausforderung.

 

Am 31. März kam ich mit einem direkten Zug von meiner Heimatstadt Brest am Ostbahnhof an. Vom Bahnhof hat mich mein Gastvater abgeholt, das war um 7 Uhr morgens, er musste vom Reinickendorf dahin kommen, also hatte er rote Augen mit riesigen Schlafsäcken. Trotzdem hat er sich Mühe gegeben und versucht, die ganze Zeit zu lächeln und sehr freundlich zu sein. Ich war überrascht, wie jung meine Gastfamilie ist. Und das war sehr schön: wir haben uns gut verstanden, an einem der ersten Tage haben wir uns in einer Bar Tatort angeschaut, wir konnten zusammen in einen Club gehen oder zuhause einen Kochabend machen. Ich habe ihre Familien kennengelernt, wir waren im Harzgebirge, an der Ostsee, wir haben bei einem 10 km Lauf mitgemacht, wo die Teilnahmegebühren an gemeinnützige Organisationen gespendet wurden, wir haben versucht, jeden Montag zu joggen, was nicht wirklich geklappt hat aber der Versuch zählt auch, wir haben gelernt, wie man den Müll sortiert und umweltfreundlich lebt. Dank diesen 2 Menschen habe ich für mich Deutschland entdeckt, welches sich positiv von meinem Erwartungsbild unterscheidet. Und für die Erfahrungen, die wir zusammen gemacht haben, bin ich ihnen und dem Verein besonders dankbar.

Meine Gastfamilie
Meine Gastfamilie

 

Aber zurück zu meinen ersten Tagen in Berlin: da gibt es noch viel zu erzählen. Irgendwie gab es an den ersten Tagen viele Schwierigkeiten, die vor allem mit Bürokratie verbunden sind: die Versicherungsfirma wollte mich ohne mein Studienbuch nicht versichern, bei einer anderen Firma gab es am Tag, wo ich kam, einen Stromausfall, die Berliner Banken wollten kein Konto für mich eröffnen, die Mitarbeiterin im Büro an der Uni wusste nicht, dass mein Studienfach an der HU angeboten wird, wegen einer technischen Störung im Online System der HU ist mein kompletter Stundenplan verschwunden. Aber dank der Unterstützung vom Verein und von der Gastfamilie haben wir diese Schwierigkeiten überwunden. Und so konnte ich mit dem Studium anfangen. Was mir dabei schon in der ersten Stunde aufgefallen ist, waren natürlich die Fragen. Man stellte viele Fragen an Studierende, man hat viel diskutiert und nach unserer Meinung gefragt, auch in einer Vorlesung. Dies ist an meiner Heimatuni nicht der Fall. Und ich habe wenigstens ein paar Wochen gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, um mich zu trauen, mitzusprechen und meine Meinung zu sagen. Was ich etwas später für mich entdeckt habe, war der Career Center der Universität: da werden unglaublich interessante Kurse angeboten wie Projektmanagement, Rhetorik, Verhandlungstraining, Konfliktmanagement, Online-Marketing, Journalistisches Arbeiten. Diese Kurse sind fächerübergreifend, Studierende aller Fachrichtungen können sich dafür anmelden. Die Universität bietet auch zahlreiche Sportkure an. Ich habe Fitness ausgewählt. Man muss das wirklich sagen: es ist sehr modern im Fitnessstudio der HU, das Personal hat mich ganz freundlich beraten und meinen Trainingsplan zusammengestellt.

 

Aber auch außer der Uni habe ich ein tolles und abwechslungsreiches Programm gehabt. Jedes Semester organisiert Copernicus ein Wochenendendseminar. Da versammeln sich die Aktiven des Vereins und die StipendiatInnen aus Hamburg und Berlin. Wir haben in einer Jugendherberge am Wannsee gewohnt, haben unsere Heimatländer auf großen Plakaten präsentiert und die Meilensteine der Entwicklung der Demokratie in Deutschland untersucht. Wir waren in der Humboldtbox, am Friedhof der Märzgefallenen und an Gedenkstätten der studentischen Bewegung in Deutschland. Auf solche Weise haben wir bestimmte historische Ereignisse mit konkreten Orten in Berlin verbunden.

Ich habe auch meinen Länderabend konzipieren und erarbeiten können. Das war sehr spannend, weil ich alles selber bestimmen durfte: das Thema, die Richtung, Art und Weise, wie ich das vortrage. Ich habe von Anfang an damit gerechnet, dass viele Menschen nur sehr wenig über Belarus wissen. Und jetzt denke ich, das war der richtige Ausgangspunkt. Trotzdem habe ich es mit freundlicher Unterstützung von andren Mitgliedern des Vereins geschafft, das Interesse zum Thema zu wecken und den Vortrag spannend zu gestalten. Dafür haben unter anderem die zahlreiche Fragen nach dem Vortrag gesprochen. Bei dieser Veranstaltung habe ich gemerkt, dass viele Deutsche über osteuropäische Staaten nicht gut genug informiert sind, wobei ein großes Interesse am Thema besteht.

Das Studium war eigentlich sehr schnell vorbei. Das Gute dabei ist, dass die Stipendiaten von Copernicus eine Möglichkeit haben, ein Praktikum in Deutschland zu absolvieren. Ich habe mein Praktikum im Büro von einem Landtagsabgeordneten in Dresden gemacht. Dabei war ich bei vielen Terminen da vor Ort, ich habe eine parlamentarische Delegation nach Minsk mitbegleitet und betreut, ich habe in einem Pilotaustauschprojekt zwischen einer belarussischen und einer deutschen Berufsschule gedolmetscht. In Minsk hatte ich eine tolle Möglichkeit, mit Vertretern von belarussischer Regierung ins Gespräch zu kommen, belarussische und deutsche Unternehmen in Belarus zu besuchen und viele neue Kontakte zu knüpfen. Das war eine wunderbare Zeit!

 

Aber auch außer Praktikum und Studium bietet Berlin unglaublich viele Freizeitaktivitäten an. Wir waren schon mit CopernicanerInnen auf einer Veranstaltung „Queer in Africa“, wir haben eine tolle Exkursion nach dem Greeter-Konzept erlebt, ich habe ein künstlerisches Projekt „Next dimension of street art“ besucht und gehe an den nächsten Tagen auf die Museumsinsel, meine Gastmutter hat mir von einem Laden erzählt, wo man Lebensmittel unverpackt kaufen kann-man kommt da mit eigenen Dosen rein. Also noch einiges steht auf dem Plan für meine letzten Tage in Berlin! Aber ich fange schon an, die Stadt und die Menschen, die ich hier kennengelernt habe, zu vermissen. Ich hoffe aber, wir bleiben gute Freunde für immer und dass ich später Copernicus auch was zurückgeben kann: als ehrenamtlicher Mitglied, privater Spender oder was auch immer. Wir verabschieden uns nur für kurze Zeit und bleiben im Kontakt!

 

 

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Vitali Halaviy